1589: Antisemitismus in Deutschland und Europa

Der Antisemitismus ist der fürchterlichste Rassismus, den wir kennen. Weil er im Holocaust (mit ca. 6 Millionen Ermordeten) gezeigt hat, wie mörderisch er ist. Heute tritt er in so vielen verschiedenen Formen und Erscheinungen auf, dass es manchmal schwerfällt, ihn rechtzeitig zu identifizieren. Am schlimmsten ist er dann, wenn er verdeckt agiert, wenn es den Antisemiten in vielen Fällen unbewusst ist, dass sie Antisemiten sind. Die Umfrageergebnisse, die wir kennen, verharmlosen das Phänomen Antisemitismus eher als dass sie es aufzudecken.

Ein kurzer Blick auf die Berichterstattung der letzten Zeit lässt einiges erkennen. So das Mobbing jüdischer Kinder in Berlin-Friedenau (Sergey Lagodinsky, taz 12.5.17); die jüdische Kommissarin im „Tatort“ (Lea Wohl von Haselberg, taz 3./4.5.6.17); das „Cafè Zelig“ in München (Alex Rühle, SZ 3./4./5.6.17); wie ein großer Teil der politischen Linken heute vom Antisemitismus verhunzt wird (Stefan Reinecke, taz 6.6.17); die Einbeziehung des Sechstagekriegs von 1967 in das antisemitische Narrativ der Gegenwart (Peter Münch, SZ 6.6.17); die Gefährdung der deutsch-israelischen Beziehungen durch den Antisemitismus (Interview von Joachim Käppner und Ronen Steinke mit dem israelischen Historiker Tom Segev, SZ 8.6.17); die These, dass der Sechstagekrieg (1967) die Ursache für den Aufstieg des Islamismus sei (Interview von Sonja Zekri mit dem ägyptischen Historiker Khaled Fahmy, SZ 9.6.17).

Nun gibt es Streit um den von WDR und ARTE bei den Münchener Dokumentarfilmern Sophie Hafner und Joachim Schröder in Auftrag gegebenen Film „Antisemitismus in Europa“ (Jan Grosscarth, FAZ 3.6.17; Claudia Tieschky, SZ 9.6.17; Richard Herzinger, Die Welt 10.6.17). Dem Programmdirektor von ARTE ist der Film nicht „ausgewogen“ genug. Deswegen hat ihn noch keiner gesehen. Er sollte demnächst ausgestrahlt werden. Der WDR-Intendant Tom Buhrow leitete die Protestbriefe Schröders an seinen Programmdirektor Jörg Schönenborn weiter, der seinem Kollegen bei ARTE nicht widersprechen wollte.

Was die Angelegenheit so unverständlich macht, ist die Tatsache, dass so ausgewiesene Experten wie

Michael Wolffsohn und Götz Aly

den Film ausdrücklich gelobt haben, nachdem sie von den Filmemachern um eine Stellungnahme gebeten worden waren. Wolffsohn: „Das ist die mit Abstand beste und klügste und historisch tiefste, zugleich hochaktuelle und wahre Doku zu diesem Thema.“ Aly nennt den Film eine „beachtliche und außerordentlich facettenreiche journalistische Leistung“. „Die Intensität der Recherche verleiht dem Film eine ungewöhnliche Kraft.“ „Eine besondere Leistung des vorliegenden Dokumentarfilms sehe ich darin, dass sowohl die harten als auch die weichen Formen des Antizionismus/Antisemitismus thematisiert werden.“ Angesichts der Ablehnung des Films bei ARTE wurde gemunkelt, dass der Antisemitismus in Frankreich wohl noch stärker sei als in Deutschland.?

Inzwischen hat sich der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, Josef Schuster, bei ARTE nach dem Verbot des Films erkundigt. Mittlerweile verlangt der Zentralrat, dass der Film gezeigt wird.

Die zuständige WDR-Redakteurin  Sabine Rollberg, eine sehr erfahrene Journalistin, hatte den Film Ende 2016 zunächst abgenommen. Inzwischen erklärt der WDR: „Wir bedauern, dass die redaktionelle Abnahme im WDR offenbar nicht den üblichen in unserem Hause geltenden Standards genügte.“ Der Film sei mittlerweile nochmals begutachtet worden. Es bestünden nun „handwerkliche Bedenken“. Es gehe insbesondere um „Ungenauigkeiten und Tatsachenbehauptungen, bei denen wir Belege zunächst nachvollziehen müssen“.

Richard Herzinger vermutet, dass der Film manchen Begutachtern wohl zu „proisraelisch“ erscheine. So würden im Film manche Legenden über die Vertreibung der palästinenschen Bevölkerung und den Gaza-Krieg 2014 richtiggestellt. Der Film decke auf, dass der gegenwärtige Antisemitismus sich in erster Linie aus Gerüchten über den Staat Israel nähre, in die uralte judenhasserische Stereotype eingespeist würden. So habe der palästinensische Präsident

Mahmud Abbas

im EU-Parlament gesagt, ein israelischer Rabbi habe zur Vergiftung des Wassers der Palästinenser aufgerufen. Herzinger erlaubt sich die Behauptung, dass die Nahost-Berichterstattung der deutschen öffentlich-rechtlichen Medien „von unrichtigen und verzerrenden Schuldzuweisungen an Israel zuweilen wimmelt“.

Brunnenvergiftung überall?

Es ist doch wohl das Beste, dass der Film gezeigt wird, damit wir uns ein eigenes Urteil bilden können.

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