1556: Götz Aly 70

Seine Leidenschaft fürs Konkrete war es wohl, die Götz Aly dazu gebracht hat, der Geschichtswissenschaft (mit ihren Erklärungen, Formeln und Floskeln) hier und da Schwierigkeiten zu bereiten. Inzwischen muss man seine (vielen) Bücher gelesen haben, will man über den Holocaust und die deutschen Kontinuitäten danach in West und Ost informiert sein. Aber Götz Aly übt auch Selbstkritik. Z.B. an den 68ern, ihrer Selbstgewissheit und ihrem Größenwahn. Aly begann in den Achtzigern eine Doppelkarriere bei der „taz“ und in der Wissenschaft. 1979 hatte die Geburt seiner behinderten Tochter ihn dazu gebracht, sich im Detail mit den „Euthanasiemorden“ der Nazis zu befassen. Ein damals völlig neuer Blickwinkel.

Hauptsächlich zieht Aly aber Kritik auf sich, weil er an vielen Beispielen gezeigt hat, wie der „Spießer“ (der kleine Mann) vom Holocaust und von der damit verbundenen Sozialpolitik der Nazis profitiert hat. Wie die sozial schwachen Schichten

Angst vor der individuellen Freiheit

haben, die Profiteure der „Arisierung“. Diese Leute sind von einer egalisierenden Kollektivmentalität befallen. Diese hat die Geschichte der Bundesrepublik mit bestimmt. Götz Aly hat aber zudem die deutsche Geschichtswissenschaft gezwungen, sich mit der Beteiligung ihrer Heroen

Theodor Schieder und Werner Conze

an der NS-Ostforschung auseinanderzusetzen. Damit macht man sich keine Freunde. Schon gar nicht an Universitäten. Auch Alys Belege für die Beteiligung deutscher Hirnforscher an Euthanasiemorden tragen dazu bei, dass er sich „alleine“ durchschlagen muss. „Seine Arbeiten halten die Wahrheit bereit, dass niemand auf der guten, der sicheren Seite der Geschichte steht.“ (Jens Bisky, SZ 3.5.17)

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