Der französische Soziologe Didier Eribon (Universität Amiens) hat mit seinem Buch
„Rückkehr nach Reims“ (Suhrkamp)
einen Bestseller geschrieben. Er schildert darin seine Herkunft aus einfachsten Verhältnissen und die Entwicklung des Proletariats hin zu Marine le Pen-Wählern (Front Nationale=FN). Alex Rühle hat ihn für die SZ interviewt (25.11.16). In dem Interview spricht sich Eribon für eine Schulreform aus und stellt eine Prognose für die französische Präsidentschaftswahl.
SZ: Wir erleben die dramatischste Krise der Demokratie, und Sie wollen erst mal unsere Schulen umbauen?
Eribon: Eine Karte mit den Wählern rechtspopulistischer Parteien in Frankreich, Österreich, Großbritannien ist jeweils deckungsgleich mit der Karte, auf der das Niveau der Schulabschlüsse aufgeschlüsselt wird. Je mehr Schulabbrecher, desto populärer die FN.
SZ: Der Demoskop Nate Silver hat gerade dasselbe für die USA belegt: Je höher die Schulabschlüsse in einem Wahlbezirk, desto mehr Stimmen für die Demokraten. Und umgekehrt. Scheint also was dran zu sein. Aber was ihren Reformvorschlag angeht: Das Schulsystem ist doch durchlässiger geworden, oder nicht?
Eribon: Träumen Sie? Die Vorbereitungsklassen für unsere Grandes Ecoles, also die paar Schulen, durch die die zukünftige Elite bis heute durchmuss, sind
sozial geschlossener als 1960.
Sie finden da kein einziges Arbeiterkind mehr, ganz zu schweigen von Arbeitern. Wir haben in den Schulen eine enorme soziale Segregation.
SZ: Im Mai wählt Frankreich einen neuen Präsidenten. Oder erstmals eine Präsidentin. Haben Sie eine Prognose?
Eribon: Ich tippe auf eine Stichwahl zwischen Marine le Pen und Francois Fillon. Fillons wirtschaftspolitisches Vorbild ist Margaret Thatcher – wer streikt, gehört eingesperrt. Aber er ist auch ein erzkonservativer Biedermann, der populär ist bei den katholischen Fundamentalisten. Insofern wird le Pen es schwer haben gegen ihn, der moderne gemäßigte Alain Juppé wäre für sie ein leichterer Gegner gewesen. Wenn es so kommt, werden viele Franzosen im Mai einen beinharten Rechten wählen müssen, um Marine le Pen zu verhindern.