Spätestens seit Roland Barthes (1915-1980) und Michel Foucault (1926-1984) den Autor („Der Tod des Autors“) 1968 als Chimäre entlarvt hatten, war es um die Reputation einstmals angesehener Biografen wie Stefan Zweig (1881-1942) und Emil Ludwig (1881-1948) geschehen. Die Biografie wurde wissenschaftlich für wertlos erklärt. Und nicht mehr der Autor selbst war eine kompetente Instanz zur Interpretation seines Werks, sondern „die Wissenschaft“. Vielfach wurde das Werk als klüger als der Autor angesehen.
Das hätte uns nicht allzu stark besorgen müssen. Denn neben „der Wissenschaft“ sind ja auch noch wir Leser da. Wir können uns durchaus unser eigenes Urteil bilden. Und schauen wir genauer auf den „germanistischen Betrieb“, so können Zweifel über die Interpretationskompetenz „der Germanistik“ entstehen. Jedenfalls geht das Lesen von Biografien auch ganz ohne Wissenschaft.
Nun hat bei der Entgegennahme des Joseph-Breitbach-Preises Rainer Stach, dessen dreibändige Franz Kafka-Biografie sehr viel Anerkennung gefunden hat, einige Erkenntnisse über den Wert von Biografien beigesteuert (FAZ 22.10.16). Da geht es durchaus auch um wissenschaftliche Biografien.
Stach geht aus von der Kluft zwischen dem Diskurs der Geisteswissenschaften und der emotional gesättigten Sprache der Biografen. Beispielhaft versucht er zu zeigen, dass Jean-Paul Sartres Flaubert-Biografie gescheitert ist, die von Wolfgang Hildesheimer über Mozart aber gelungen. Richard Ellmann hatte schon 1971 zu belegen versucht, dass
Kurt Eisslers Goethe-Biografie
auf unüberprüfbaren Spekulationen beruhte. Hier kommt es wohl darauf an, was wir von Psychoanalyse verstehen und wie wir sie beurteilen.
Ein Verächter der Biografie war bekanntlich Vladimir Nabokov (1899-1977), der schrieb: „Es ist mir zuwider, in dem kostbaren Leben großer Schriftsteller herumzustochern. … Ich hasse die Vulgarität des ‚menschlichen Interesses‘, ich hasse das Rascheln der Röcke und das Gekicher in den Korridoren der Zeit – und kein Biograf wird je einen Blick auf mein Privatleben erhaschen.“
Eine vergebliche Hoffnung Nabokovs und sein großer Irrtum.
Rainer Stach ist sich klar darüber, dass Literatur aus ganz individuellen Schöpfungen besteht, dass es stilistische Meisterschaft gibt und Innovationen beim Schreiben und dass Literatur darüberhinaus etwas „repräsentiert“. Er beschäftigt sich mit der Frage, was Empathie leisten kann und was nicht. „Sich einzufühlen bedeutet ja nichts anderes, als sich probehalber und kontrolliert mit jemandem zu identifizieren.“ Und angesichts der Fülle von immer neuen Biografien hält er Misstrauen gegenüber dieser Gattung in
neun von zehn Fällen
für angebracht.
„In Wahrheit gibt die Form der Biografie uns hermeneutische Instrumente an die Hand, die anspruchsvoller kaum sein könnten. Sie kümmert sich nicht um Fachgrenzen, verbindet psychologische, soziologische, politische, kulturelle und mentalitätsgeschichtliche Perspektiven, die sich teils ergänzen, teils aber auch überkreuzen. Einfühlung ist hier nur auf der Basis harter Recherche zu haben; sie ist wertlos, wenn sie nicht aus einem Verständnis des vielschichtigen Kontexts hervorgeht, und dieser Kontext wiederum kann – wie ich am Beispiel Kafkas erfahren musste – von den allgemeinen Tendenzen einer nervösen Epoche bis hinab in die Tagträume und das intime Erleben eines großen Autors reichen.“