Prinz Asfa-Wossen Asserate ist 1948 in Addis Abeba geboren. Er lebt seit 40 Jahren in Deutschland und hat Jura studiert. Seit 1983 arbeitet er als Unternehmensberater für Afrika und den Nahen Osten. Viele von uns kennen sein Buch
„Manieren“.
Philip Plickert (FAZ 5.11.16) hat ihn über Afrika befragt. Es ist immer noch weithin der dunkle Kontinent. Dort gibt es
54 Staaten, tausende kleiner Ethnien und 2000 verschiedene Sprachen.
Die afrikanischen Staaten sind ausgesprochen unterschiedlich wirtschaftlich entwickelt. Viele Afrikaner wollen nach Europa. Asserate sagt:
„Warum wollen viele Afrikaner zehn Kinder oder mehr? Drei Kinder sterben, bevor sie zehn Jahre alt sind, drei Kinder sterben, bevor sie 20 sind. Die restlichen Kinder sind dann die Altersversicherung der Eltern. Eine staatlich garantierte Mindestrente würde hier viel ändern. In Europa und Deutschland war die Geburtenrate auch sehr hoch. Als Bismarck in den 1880ern die Sozialgesetze und die staatliche Altersrente einführte, begann sie rapide zu sinken. Auch die mangelnde Bildung besonders der Frauen und ihre schwache soziale und rechtliche Stellung spielt eine wichtige Rolle, dass sie keine Familienplanung betreiben können.“
„Die EU subventioniert die europäischen Bauern, die ihre billige Getreideproduktion auf afrikanische Märkte schütten. Damit kann ein einfacher afrikanischer Bauer nicht mithalten. Das ist ein unfairer Handel. EU-Geflügelproduzenten exportieren Hühnchenbeine und Reste – die Menge hat sich auf 600 000 Tonnen verdreifacht – und machen mit dem Dumpingangebot die afrikanischen Geflügelzüchter kaputt, etwa in Nigeria. Ein anderes Beispiel: Billiges Tomatenmark aus Italien verdrängt den ländlichen Tomatenanbau in Ghana. Westliche industrielle Fischflotten ruinieren Teile der afrikanischen Fischerei, weil sie ihnen die Fanggründe leer räumen, teils auch illegal. Und ein Teil der arbeitslos gewordenen Afrikaner wandert dann nach Europa, wo manche dann als Billiarbeiter in der Landwirtschaft tätig sind, etwa in Italien.“
„Was die Kolonialherren Afrika angetan haben, war schlimm und menschenfeindlich. Aber haben wir es in den 60 Jahren afrikanischer Unabhängigkeit besser gemacht? Nein! Eines der schlimmsten Verbrechen der Kolonialzeit waren die Massaker an den Hereros in Deutsch-Südwestafrika im Jahre 2004 und danach. Man schätzt, dass 50 000 bis 100 000 Menschen massakriert wurden. So grauenhaft das ist, einige afrikanische Diktatoren haben es noch viel schlimmer getrieben. Mengistu Haile Mariam in Äthiopien hat solche Opferzahlen in den späten siebziger Jahren in zwei Wochen geschafft. Es gibt eine ganze Reihe fürchterlicher Gewaltherrscher: Idi Amin in Uganda, Samuel Dor in Liberia. Denken Sie an Gaddafi oder Mugabe.“