1365: Der Kritiker Alfred Kerr (1867-1948)

Dass erst 2016 die erste Biografie Alfred Kerrs (1867-1948) erscheint, ist verwunderlich; denn Kerr war der Protagonist der deutschen Kritik von der Jahrhundertwende bis 1933, ein Vorbild im deutschen Journalismus. Vielleicht war es seine nicht zu übersehende Arroganz, die dafür sorgte, dass er nicht besonders beliebt war. Sie spielt in der Biografie von

Deborah Vietor-Engländer: Alfred Kerr. Die Biographie. Reinbek (Rowohlt) 2016, 720 S., 29,98 Euro,

nicht ganz die Rolle, die ihr bei diesem selbstbewussten Journalisten zukommt.

Alfred Kerr wurde als Alfred Kempner in Breslau geboren. Er studierte Germanistik und Romanistik in Breslau und Berlin und wurde mit einer Arbeit über

Clemens Brentano

promoviert. Den Ironiebegriff der Romantik machte sich Kerr ganz zu eigen. Früh kam er zu seinem eigentümlichen Stil, den er selber so charakterisierte:

„Aus einem Gedanken macht der Stückeschreiber ein Stück. Der Schriftsteller einen Aufsatz. Ich einen Satz.“

Kerr bezeichnete Schleuder und Harfe als seine Waffen. Er war ein Meister der Pointe und bekannte, er könne nur „jauchzen oder rülpsen“. Alfred Kerr sah die Kritik als Kunst und als gleichberechtigte literarische Gattung neben Epik, Dramatik und Lyrik. Das passt, wenn wir die geeigneten Kritiker haben …

Alfred Kerr hat wesentlich dazu beigetragen, dass das Theater fast der wichtigste Platz der gesellschaftlichen Auseinandersetzung wurde, ein Leitmedium. Sein Hausgott war

Heinrich Heine (1797-1856).

Und sein Todfeind demgemäß Karl Kraus (1874-1936) in Wien. Der kramte in den zwanziger Jahren Kerrs chauvinistische Verse aus dem Ersten Weltkrieg hervor. In Berlin allerdings prägte Kerr die an herausragenden Gestalten nicht eben arme Kritik. Er selbst schrieb u.a. für die „Neue Rundschau“ und das „Berliner Tageblatt“ und hatte großen Einfluss auf die Presse im kaiserlichen Deutschland und in der Weimarer Republik. Alfred Kerr brachte einen neuen, direkten Ton ins akademisch vermuffte Rezensionswesen. Er war ein Meister des Sarkasmus.

Alfred Kerr reiste viel. Nach Italien, Frankreich, England, aber auch nach Palästina und in die USA. Daraus sind manche Reisebücher entstanden. Mit der Machtübernahme der Nazis 1933 war das alles schlagartig vorbei. Kerr wurde die Stellung gekündigt, die Staatsbürgerschaft aberkannt und der Doktortitel entzogen. Er floh zunächst nach Paris, dann nach London. Dort packte ihn die Armut. Denn sein Nimbus wurde ihm zum Verhängnis. Niemand traute sich, einer Berühmtheit wie ihm Arbeit anzubieten. Davon hat er sich nicht mehr erholt. Er kehrte nach 1945 zwar noch nach Deutschland zurück, nahm sich aber nach einem Schlaganfall 1948 das Leben. Dass in einer der letzten Berliner Premieren, die er bespricht, Gustaf Gründgens den Mephisto spielt, also die Rolle, die als Nazi-Günstling politisch seine Lebensrolle wurde, ist eine makabre Pointe (Christopher Schmidt, SZ 18.10.16).

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