1363: Luthers Ambivalenz

Mit dem heutigen Reformationstag, dem 31. Oktober 2016, der in Deutschland weithin übergangen wird, beginnt nun endgültig die große „Lutherei“, die Feiern zum 500sten Jahrestag der Reformation. Und wir brauchen dann keine unzeitgemäße Heldenverehrung zu befürchten, wenn wir auch auf die Stimmen der Klugen, Besonnenen und Mahnenden hören. Matthias Drobinskis Stimme gehört dazu. Ich stelle ihn mir als aufgeklärten Katholiken vor. Er scheibt (SZ 31.10./1.11.16):

„Martin Luther bietet sich gut zur

Selbstvergewisserung

an. Ja, andere haben vor ihm und zugleich mit ihm Ähnliches gedacht, aber manchmal verdichten sich historische Prozesse doch in einzelnen Personen. Wer heute über die

Freiheit des Menschen

redet und über sein Gewissen, kommt um Martin Luther nicht herum; wer Deutsch spricht sowieso nicht. Wer fragt, warum man in Europa und Nordamerika denkt, wie man denkt, der landet beim Reformator. Und auch, wer die Glaubenslandschaften der westlichen Welt durchstreift, die katholischen eingeschlossen:

Ohne Luther würde Papst Franziskus

heute anders glauben.

Doch da ist die andere Seite Martin Luthers: der Hass auf Juden, Muslime, Katholiken, alle Andersdenkenden, um so stärker, je älter der Wittenberger wurde; seine Entscheidung gegen die aufständischen Bauern, jene Zwei-Reiche-Lehre, die jahrhundertelang die protestantische Obrigkeitshörigkeit begründete. Luther war, was er über den Menschen lehrte:

’simul justus et peccator‘,

Gerechter und Sünder zugleich.Und so trägt jedes Gedenken an Luther, jede Vergegenwärtigung eines Menschen an der Schwelle vom Mittelalter zur Neuzeit,

das Kainsmal dieser Ambivalenz.

Wer heute Luther in die Gegenwart holt, muss wissen, dass andere dies vor ihm getan haben – um zu zeigen, dass der Protestant besser ist als der Katholik, der Deutsche dem Franzosen überlegen, der Christ höher steht als der Jude.

Ja, man kann es heute feiern, dass Martin Luther vor bald 500 Jahren das Christentum erneuern wollte – und nebenbei die Welt veränderte. Man kann es feiern im Bewusstsein des Widersprüchlichen, Unvollkommenen und Uneindeutigen, das diese Feier mit sich bringt; man kann es feiern in Erinnerung an das Leid, das aus dieser Weltveränderung kam – das immer kommt, wenn einer hasst und abgrenzt und abwertet. Dann wird das Reformationsjahr ein Fest für alle.“

 

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