In der ersten Ausgabe seiner „Literarischen Welt“ 1925 fragte Willy Haas internationale Schriftsteller: „Was verdanken Sie dem deutschen Geist?“. In ihrer Ausgabe vom 15.10.2016 stellt die aktuelle „Literarische Welt“ deutschen Schriftstellern die gleiche Frage. Wir können uns vorstellen, dass viele von ihnen sich bemühen, originell, frech, widerborstig, kokett zu sein, etc. Leicht ist es auch, die Frage falsch zu finden. Manche haben einfach von Politik keine Ahnung.
Julie Zeh, deren Roman „Unterleuten“ 2016 von der Kritik breit wahrgenommen wurde, antwortet folgendermaßen:
„Ich bin in der festen Überzeugung aufgewachsen, dass Deutschland ein Land ist, in dem man zwei Dinge verstanden hat: was Demokratie bedeutet und warum europäische Einigung nicht nur eine gute, sondern eine alternativlose Idee ist.
Aus disem Glauben resultiert nicht nur ein umfassendes Wertesystem, aufgehoben in unserer Verfassung. Es ergeben sich daraus auch klare Handlungsleitlinien, sowohl für die Politik wie für das Leben jedes Einzelnen. Fragen nach Identität, Zukunft und Gesellschaft lassen sich mühelos damit beantworten. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Modell nicht nur als friedensstiftend, sondern auch in ökonomischer Hinsicht als unfassbar erfolgreich erwiesen.
Und trotzdem wissen wir nicht, wer wir sind, woran wir glauben und was uns zu einer Gemeinschaft macht? Trotzdem fehlt uns die Vision? Trotzdem müssen wir protestwählen, mit apokalyptischen Ideen liebäugeln, uns vor Nichtigkeiten fürchten und andere ausgrenzen, um uns wieder zu spüren? Ach, deutscher Geist, was willst du denn noch.“