1346: Wirtschafts-Nobelpreis – zu marktliberal?

Angesichts der krisenhaften Entwicklung, die der Weltkapitalismus weiter nimmt, kann unser Vertrauen in die Fähigkeiten der Wirtschaftswissenschaften nicht allzu hoch sein. Ansonsten würden die Krisen besser reguliert. Die Wirtschaftswissenschaftler untereinander loben sich allerdings beständig und so haben sie es geschafft, sich eine respektable Reputation zu sichern.

Der Wirtschafts-Nobelpreis hatte nie den Glanz, den etwa der Literatur-Nobelpreis oder der Friedens-Nobelpreis ausstrahlen (oder jedenfalls ausstrahlten). Er erschien eher als ein Nobelpreis zweiten Ranges. Nun haben die Wirtschaftshistoriker Avner Offer (Oxford) und Gabriel Söderberg (Uppsala) in ihrem Buch „The Nobel Factor“ untersucht, wie in letzter Zeit die Wirtschafts-Nobelpreise vergeben worden sind. Sie stellen fest, dass der Nobelpreis den Wirtschaftstheorien den Anschein von Glaubwürdigkeit verliehe, die sie eigentlich nicht hätten. Offer sagt sogar: „Der Nobelpreis scheint der Bewegung zu mehr Privatisierung, Globalisierung, Arbeitsmarktreformen, Reformen, nach denen der Marktliberalismus strebt, eine Berechtigung zu geben.“

Der Nobelpreis habe den Einfluss der Zentralbanken weltweit gestärkt. In letzter Zeit habe man sich eher auf die Bekämpfung der Inflation konzentriert statt auf die der Abeitslosigkeit. Die Annahme, dass freie Märkte von selbst zur effizientesten Verteilung finden würden, setzte sich durch. Der Nobelpreis verlieh den marktfreundlichen Theorien dabei den Stempel der Wissenschaftlichkeit. Dabei müssten sich wissenschaftliche Theorien eigentlich in der Realität bestätigen lassen.

Reint Gropp, Präsident des Leibniz-Instituts für Wirtschaftsforschung Halle (IWH), hält die These der Autoren für „völligen Unsinn“. Natürlich testeten Ökonomen ihre Theorien in der Realität. „Aber wir haben ein viel komplizierteres Problem als die Physiker, die replizierbare Versuche mit nicht denkenden Einheiten machen können.“ (Silke Bigalke, SZ 10.10.16)

 

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