1283: Hofreiter (Grüne) gegen Helmpflicht

Anton Hofreiter sitzt seit 2005 für die Grünen im Bundestag. 2011 wurde er Vorsitzender des Verkehrsausschusses, 2013 Fraktionsvorsitzender. Er kandidiert für die Spitzenkandidatur gegen andere Bewerber. Jan Heidtmann hat ihn nun für die SZ (16./17.7.16) interviewt. Dabei erscheint mir Hofreiter, obwohl er zum linken Flügel der Fraktion gezählt wird, weithin ziemlich sympathisch.

SZ: Hat Tschernobyl sie politisiert?

Hofreiter: Und Franz Josef Strauß. Der war damals, also 1985, noch Ministerpräsident. Die Art, wie er Politik machte, hat mich rausgefordert. Dass eine Wiederaufbereitungsanlage gebaut werden sollte gegen allen Widerstand. Dass denjenigen, die dagegen waren, das Bayrisch-Sein abgesprochen wurde. So wollte ich nicht leben, das war nicht mein Bayern. Damals wurden die Auseinandersetzuungen noch mit einer ganz anderen Härte geführt. Strauß hat seine Gegner Ratten und Schmeißfliegen genannt.

SZ: Von der Physikerin Angela Merkel heißt es, sie betreibe Politik mit dem kühlen Kalkül einer Wissenschaftlerin. Prägt die Biologie Ihren Blick auf die Politik?

Hofreiter: Man lernt, wie komplex die Zusammenhänge sind. Wenn sie an der einen Ecke zupfen, passiert an der anderen auch etwas. Und was für die Biologie gilt, gilt auch für die Politik: Diese Systeme sind nicht vollständig zu überschauen.

SZ: An Ihrem Buch über die Fleischindustrie ist bemerkenswert, wie Sie sich weigern, den Menschen Vorschriften zu machen.

Hofreiter: Ich will Gesetze für den Stall, nicht für den Küchentisch. Ich halte einfach nichts davon, dem Einzelnen auf den Nerven herumzutrampeln. Man kann das Versagen der Politik nicht auf die Leute abwälzen. In diesem Fall ist es das Versagen der Agrarpolitik. Wenn die Leute ein Stück Fleisch kaufen, also etwas völlig Legales tun, dann zu sagen, das ist moralisch verwerflich? Ich finde das schwierig.

SZ: Sie sind auch gegen eine Helmpflicht bei Fahrradfahrern. Was spricht dagegen? Es gibt auch eine Gurtpflicht. Die hat viele Menschenleben gerettet.

Hofreiter: Ich halte von einer Helmpflicht gar nichts, ich trage auch keinen. Aber es ist eine Abwägungsfrage. Die Gurtpflicht hat so einen krassen Unterschied gemacht, dass sie legitim ist. Der Helmpflicht steht entgegen, dass es dann weniger Radfahrer gibt, und alle Statistiken zeigen: je weniger Radfahrer, um so gefährlicher ist es für sie im Straßenverkehr. …

SZ: Und Sie glauben wirklich, die Welt ist noch zu retten?

Hofreiter: Die Welt muss man nicht retten, die kommt auch ohne uns gut zurecht. Es geht um unsere Lebensgrundlagen als Menschen. Und, ja, ich glaube, die sind noch zu retten.

SZ: Woran machen Sie das fest?

Hofreiter: Wir haben den ‚Point of no return‘ noch nicht überschritten. Der ist zum Beispiel erreicht, wenn Grönland komplett abschmilzt. Das hieße, der Meeresspiegel würde um sieben Meter steigen. Dann ist Bangladesch weg, aber auch Florida. Dann werden Milliarden Menschen von den Küsten fliehen.

SZ: Sie sind so wunderbar optimistisch.

Hofreiter: Das ist vielleicht der Grund, weshalb ich nicht Journalist geworden bin, sondern Politiker. Ich könnte meinen Job nicht machen, wenn ich nicht optimistisch wäre. Ich will auch kein Zyniker werden. Wenn man zynisch wird, hört man am besten auf.

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