1266: Macht uns der Kapitalismus doch krank ?

In der FAS vom 26. Juni 2016 streiten die Soziologen Martin Dornes (66) und Hartmut Rosa (50) über die Krankheiten in unserer Gesellschaft. Von Dornes stammt der Bestseller

„Der kompetente Säugling“, 2015 in der 16. Auflage.

Von Rosa kennen wir das Buch über die

„Beschleunigung“ (2005).

Das Gespräch wurde moderiert von Corinna Budras und Rainer Hank.

FAS: Herr Rosa, macht uns der Kapitalismus krank?

Rosa: Der Kapitalismus befördert Verhältnisse, unter denen Burnout oder Depressionen zunehmen, und deshalb kann man auch sagen, dass der Kapitalismus krank macht. Wir haben es mit einer Form von Entfremdung zu tun, die durchaus kapitalistische Ursachen hat. Ein gutes Leben gelingt nur schwerlich unter diesen Bedingungen.

Dornes: Das bestreite ich ernergisch. Dass psychische Störungen wie Burnout und Depressionen in den vergangenen dreißig oder vierzig Jahren zugenommen haben, wiederholen linke Sozialwissenschaftler wie Sie, Herr Rosa, unablässig. Aus der Zunahme der Burnout-Diagnosen schließt man auf die Zunahme dieser Krankheiten und daraus wiederum, dass die Lebensverhältnisse unter dem neoliberalen Kapitalismus die Krankheitszahlen nach oben treiben. Dieser Zusammenhang existiert nicht. Wenn die Krankheitsdioagnosen zunehmen, bedeutet das noch lange nicht, dass es auch mehr Kranke gibt. Je mehr Ärzte es gibt, desto mehr Krankheiten werden diagnostiziert; je mehr Kinderpsychiater, desto mehr ADHS. Man nennt das eine angebotsinduzierte Nachfrage, die die Diagnosen in die Höhe treibt. Die Leute waren vorher schon krank, und jetzt werden sie ins diagnostische Hellfeld überführt. Was zugenommen hat, ist unserer Sensibilität für Symptome, die wir früher ignoriert haben. Aber sie waren immer da.

W.S.: Martin Dornes hat Recht.

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