Angesichts von Digitalisierung und den Möglichkeiten der künstlichen Intelligenz stellt sich die Frage nach der Zukunft der Arbeit neu. In der Schweiz wird am 5. Juni in einer Volksabstimmung darüber befunden. Denn es ist klar, dass der digitale Fortschritt das Sozialprodukt vergrößert, unklar bleibt demgegenüber, ob und wie alle davon profitieren können. Die Mittelschicht ist gefährdet. Wer soll all die Güter und Dienstleistungen kaufen, die mittels der neuen Technologien auf den Markt kommen? Wie kann die Schere zwischen Arm und Reich verringert werden?
Die Befürworter eines garantierten Grundeinkommens, die neuerdings in Nordamerika und Europa häufiger vorkommen, sehen in ihrem Modell vor allem den Vorteil von
weniger Bürokratie.
Der ehemalige griechische Finanzminister Yanis Varoufakis nennt das garantierte Grundeinkommen sogar „eine Notwendigkeit, den Kapitalismus zu zivilisieren“. Bill Clintons Arbeitsminister Robert Reich bezeichnet es als unvermeidlichen Schritt.
So weit ist es aber noch nicht.
Alexandra Borchardt unterzieht den Vorschlag eines garantierten Grundeinkommens einer kühlen Analyse:
1. Das Grundeinkommen ist keine Eintrittskarte ins Paradies.
Um es zu finanzieren, müssten die Steuern astronomisch steigen. Angesichts der Einstellungen von Wählern zu Steuern eine kaum realistische Möglichkeit.
2. Ein Grundeinkommen darf nicht dazu führen, dass sich Unternehmen aus der Verantwortung stehlen.
Unternehmen a la Uber, wo Arbeit auf Nachfrage geleistet und in Stückzahlen vergütet wird, führen schnell zu prekären Arbeitsverhältnissen. Die davon Betroffenen sind fast rechtlos. Wir halten am Arbeitnehmer-Status fest.
3. Ein Grundeinkommen für alle macht Ungleiches gleich.
Es mag nach Chancengleichheit klingen, wenn jeder dieselben Ausgangsbedingungen hat. Aber die Menschen sind nicht gleich. Sie bringen unterschiedliche Fähigkeiten mit, erleiden Schicksalsschläge, werden krank, etc. Der Staat darf jene, die in Not geraten, nicht im Stich lassen.
4. Menschen brauchen Strukturen, wollen gebraucht werden und sozial eingebunden sein.
In der Arbeitsgesellschaft bemessen sich Wert und Selbstwert nun einmal stark daran, was jemand für die Gesellschaft leistet. Und die Vorstellung, dass der Empfänger eines Grundeinkommens gleich mit der unentgeltlichen Arbeit (in der Familie, im Haus, in der Nachbarschaft, in der Gemeinde) beginnen würde, erscheint naiv (Alexandra Borchardt, SZ 30.5.16).