Im kenianischen Flüchtlingslager Dadaab wohnen mehr als 400.000 Menschen. Der britische Autor und langjährige Mitarbeiter von Human Rights Watch, Ben Rawlence, hat ein Buch darüber geschrieben
„Stadt der Verlorenen“.
Alex Rühle hat ihn für die SZ (1.6.16) interviewt.
SZ: Die EU verhandelt mit den Regierungen von Somalia, Sudan, Eritrea und Äthiopien über die Rückführung von Flüchtlingen. Und sie hat der eritreischen Regierung soeben 200 Millionen Pfund versprochen. Was halten Sie von diesen Deals?
Rawlence: Die Regierungen, die dieses Geld bekommen, sind zu einem Großteil schuld daran, dass die Leute ihr Land verlassen. Eritreer fliehen zu Tausenden, weil ihnen ihre Regierung einen zeitlich unbegrenzten Militärdienst aufzwingt. Wie man den Flüchtlingsstrom aufhalten will, indem man ausgerechnet dieses Regime finaziell unterstützt, ist mir ein Rätsel. Äthiopien bekommt enorme Summen von der EU und ist dennoch eine Diktatur, die jede Opposition zermalmt, Studenten und Journalisten einsperrt und Menschen durch Landraub in die Flucht treibt. Und die somalische Regierung hat ja kaum Mogadischu unter ihrer Kontrolle, ganz zu schweigen vom Rest des Landes. Sie können nicht mal für die Sicherheit ihrer eigenen Minister garantieren.
SZ: Das Lager Dadaab an der kenianisch-somalischen Grenze wurde gegründet, als von 1990 an immer mehr Menschen vor dem Bürgerkrieg in Somalia geflohen sind. Wie sind sie dort hingekommen und warum sind sie danach so oft zurückgekehrt?
Rawlence: Das Lager wurde 1992 gegründet. Heute ist es eine improvisierte Stadt von der Größe Zürichs. Offiziell leben 350.000 Menschen auf 50 Quadratkilometern, dazu kommen aber auch noch all jene, die nie registeriert wurden. Beim ersten Mal, 2010, war ich als Forscher für die NGO Human Rights Watch dort. Der Ort hat mich so fasziniert – es gibt eine eigene Fußballliga, Kinos, Hotels, Restaurants, Märkte -, dass ich darüber ein Buch schreiben wollte.
SZ: Inwiefern ist Dadaab symptomatisch für Flüchtlingscamps?
Rawlence: Es gibt Dutzende ähnliche Lager, die auch schon seit Jahrzehnten existieren, in
Libanon, Jemen, Äthiopien, Tansania.
14 Millionen Menschen, also die überwiegende Mehrheit aller Flüchtlinge, sitzt in solchen Lagern fest. Im Durchschnitt seit 17 Jahren. Diese Camps sind Symptome einer weltweit gescheiterten Flüchtlingspolitik. Sie waren gedacht als Übergangslösungen, sollten also nur existieren, bis wieder Frieden herrscht oder die Flüchtlinge alle integriert sind in ihrem jeweiligen Gastland. Aber die Gastländer wollen sie nicht, die reichen Länder auch nicht, und wenn der Frieden nicht kommt, stecken sie in diesen Städten fest, die temporär geplant waren, aber jetzt für immer da sind.
…
SZ: Sie spielen auf den Vorschlag der EU-Kommission an, dass Staaten 250.000 Euro für jeden Flüchtling zahlen, den sie nicht aufnehmen, was als Strafe gedacht ist, aber von ihnen als Freikaufprämie interpretiert wird.
Rawlence: Ja.
Ein ökonomischer Wahnsinn.
Flüchtlinge sind ökonomisch wertvoll. Europa braucht Arbeitskräfte. Diese Leute können helfen, dass unsere Volkswirtschaften wachsen. Warum zahlen wir stattdessen Geld dafür, sie wegzuschicken?
SZ: Viele der neueren Flüchtlinge von Dadaab sind nicht vor den Shabaab-Milizen geflohen oder vor dem Bürgerkrieg, sondern vor
der Dürre,
die seit Jahren am Horn von Afrika herrscht. Ich habe das Gefühl die Dürre, die ja auch in Australien, Asien und im Nahen Osten wütet, wurde in Europa in ihrer geopolitischen Sprengkraft noch gar nicht wahrgenommen. Wie sehen Sie das?
Rawlence: Absolut! Wir müssen Orte wie Dadaab besser verstehen,
weil mehr Flüchtlinge auf uns zukommen werden, viel mehr.
Die Dürre reicht von Eritrea bis nach Südafrika runter. Die Sahelregion wird bald unbewohnbar. Selbst hier in Europa werden Menschen Süditalien oder Südspanien verlassen müssen, wahrscheinlich noch zu unseren Lebzeiten. Es spricht einiges dafür, dass wir auf eine sehr viel anarchischere Welt zusteuern, Dadaab ist die Stadt der Zukunft.