1159: Hüther über Modernisierung

Der Direktor des Instituts der deutschen Wirtschaft in Köln, Michael Hüther, erläutert uns gesellschaftliche Modernisierung (Die Zeit 21.1.16):

„Seit der Jahrtausendwende hat sich – jenseits der öffentlich dominierenden Agenda 2010 – in einer relativ engen Zeitspanne ein gesellschaftspolitischer Paradigmenwechsel vollzogen. Er speist sich aus einer Vielzahl gesetzlicher Änderungen sowie politischer Initiativen und ist in der Gesamtheit weit mehr als deren Addition. Es ist eine schleichende Revolution, bislang unbemerkt und versteckt in Einzelthemen. Im Zuge des Flüchtlingszustroms zeigt sich diese grundlegend veränderte gesellschaftliche Disposition. Die Reformen entsprangen zwar keiner umfassenden Agenda, sondern sehr konkreten Anlässen und spezifischen Motiven. Dennoch haben sie einen gemeinsamen Nenner: eine Modernisierung des gesellschaftlichen Lebens, die mehr Potenziale, mehr Offenheit und mehr Vielfalt schafft.

Die Arbeitswelt wird auch deswegen bunter, weil die Anerkennung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften weit vorangeschritten ist, die Diskriminierung von Lebensentwürfen sanktioniert wird und die Inklusion Behinderter in das Beschäftigungssystem rechtlich weiter gefördert wird. Auch das reflektiert die veränderten unternehmerischen Anforderungen sowie eine größere Akzeptanz unterschiedlicher Lebensstile. Die gestiegene Erwerbsbeteiligung von Frauen und Älteren hat die gesellschaftliche Realität verändert, Deutschland steht besser da als die meisten anderen OECD-Mitgliedsländer.

Die Modernisierung der Gesellschaft hat nicht nur längst begonnen. Sie ist bereits sehr weit fortgeschritten und hat zugleich eine elementare ökonomische Bedeutung bekommen. Eine Gesellschaft, die den Wandel annimmt und sich dabei öffnet, verschafft wirtschaftlichem Handeln bessere Standortbedingungen. Eine solche Gesellschaft passt zum marktwirtschaftlichen Rhythmus. Die ökonomischen Effekte und die verteilungspolitische Stabilisierung der gesellschaftlichen Mitte haben den Wandel trotz seiner tabubrechenden Qualität durchsetzbar gemacht. Mit der Flüchtlingskrise kommt der Test auf Robustheit: Halten wir aus, was wir verändert haben?“

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