995: „Putinismus“ entspricht Russland.

Der 1921 in Breslau genborene Historiker Walter Laqueur ging mit 17 Jahren nach Palästina. Als Jude entwickelte er schon früh ein Sensorium gegen totalitäre Repression. Für Russland hatte er ein Faible und lernte ab 1941 Russich, das er bald perfekt beherrschte. So konnte er aus erster Hand die sowjetischen Verhältnisse und den Stalinismus analysieren. Laqueur orientierte sich am „Kongress für kulturelle Freiheit“, der u.a. von der CIA finanziert wurde. Er arbeitete zeitweise eng mit dem ebenfalls aus Deutschland emigrierten Historiker George Mosse zusammen, dessen Familie der Medienkonzern Mosse (u.a. „Berliner Tageblatt“) in Berlin (bis 1933) gehört hatte. Laqueurs Stationen nach 1945 waren Berlin und London. Dort und in den USA hatte er mehrere Professuren für Geschichte inne.

In seinem neuesten Buch

„Putinismus. Wohin treibt Russland?“ (Propyläen) 2015, 336 S., 22 Euro,

verficht Laqueur die These, dass der 1999 in Russland an die Macht gekommene „Putinismus“ nicht vollständig an die Person Wladimir Putins gebunden und dass eine Abkehr von dem Regime „in naher Zukunft unwahrscheinlich“ sei.

Zustandegekommen sei die neue russische Herrschaftsform nach einer Dekade der Anarchie, des Zusammenbruchs der alten Ordnung und schweren Geburtswehen, insbesondere einem wirtschaftlichen Niedergang und einem außenpolitischen Macht- und Prestigeverlust. Geholfen hätten die hohen Weltmarktpreise für Rohöl und Gas , die es erlaubt hätten, die Verarmung weiter Teile der Bevölkerung zu bremsen.

Russland habe wieder einen Zaren. Er regiere mit „Oligarchen“, die er zur Loyalität gezwungen habe. Es gebe wieder eine „russische Idee“, „Geschichtsbilder“ und eine gezielte „Erinnerungspolitik“. Helfen würden dem Bemühen um eine russische Geschlossenheit

die Abkehr vom Westen

und die Kontrolle der profitabelsten ökonomischen Ressourcen. Daran sei aber nicht die NATO-Erweiterung nach 1991 schuld (Manfred Hildermeier, SZ 14.7.15). Diese gehe auf die Selbstbestimmung der

Esten, Letten, Litauer, Polen, Tschechen, Slowaken, Ungarn, Rumänen, Bulgaren

zurück. Diese Analyse stimmt. Sie wird trotzdem von den Putin-Freunden nicht akzeptiert.

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