990: Guttenberg: Zu viele Musikfestivals

Enoch Freiherr von und zu Guttenberg (68) ist Komponist und Dirigent, und er neigt zur Kompromisslosigkeit. Der Vater des ehemaligen Verteidigungsministers, der wegen seines Plagiats zurücktreten musste, hatte den Bund für Umwelt und Naturschutz mitgegründet. 2012 verließ er ihn aus Protest

gegen Windkraftanlagen.

Der CSU hat er den Rücken gekehrt. Seit 2000 ist Guttenberg Intendant der Herrenchiemsee Festspiele. Inge Kloepfer hat ihn für die FAS (12.7.15) interviewt.

FAS: Herr zu Guttenberg, wissen Sie eigentlich, wie viele Musikfestivals es in Deutschland gibt?

Guttenberg: Zu viele. Aber genau könnte ich es Ihnen gar nicht sagen.

FAS: Inzwischen wohl an die 500. Bedeutende, aber eben auch unzählige Wald-und -Wiesen-Veranstaltungen.

Guttenberg: Die Frage ist, ob es wirklich so viele Festivals geben muss. Das sage ich, obwohl ich selbst Intendant eines Festivals bin.

FAS: Sie wollen keine Konkurrenz?

Guttenberg: Doch, sogar unbedingt! Aber die zunehmende Zahl der Festivals birgt die Gefahr ihrer Entwertung. Einher geht damit oft auch der Verfall der Qualität. Außerdem befürchte ich, dass die klassische Musik zum Konsumgut verkommt, wenn sich Menschen einen netten Nachmittag oder Abend machen und sich beschallen lassen, ohne über die Inhalte nachzudenken, die in der großen Musik ja auch verhandelt werden.

FAS: … Im Vergleich zu Salzburg mit Kartenpreisen weit über 400 Euro sind Sie richtig billig. Auf Herrenchiemsee kann ich für 100 Euro eine Oper hören.

Guttenberg: Wir haben uns bewusst von sehr hohen Preisen abgesetzt. Auch wenn wir immer sofort ausverkauft sind, will ich die Preise auf dem Niveau belassen. Es soll sich jeder eine Karte leisten können.

FAS: Haben Sie schon mal darüber nachgedacht, auch etwas für die Chiemgauer Bevölkerung zu tun?

Guttenberg: Am Tag nach dem Festival-Ende veranstalte ich persönlich ein Konzert für Menschen der anliegenden Gemeinden, die sich unsere Karten nicht leisten können. Die kommunalen Verwaltungen erhalten Kontingente für Kranke, Bedürftige und verdienstvolle Bürger. Auf dem Programm steht immer eines der Highlights des Festivals, diesmal Dvoráks „Stabat Mater“. Ein sehr bewegendes Ereignis für alle Beteiligten. Die Menschen lieben es. Ich glaube auch, das gibt es anderswo in dieser Form nicht.

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