Der stellvertretende Direktor des Potsdamer Instituts für Klimafolgenforschung, Ottmar Edenhofer, erklärt die päpstliche Enzyklika „Laudato si. Lettera Enciclica sulla cura della casa commune.“ Michael Bauchmüller und Christopher Schrader haben ihn für die SZ (20./21.6.15) interviewt.
SZ: Klimaschutz gilt für viele Staaten mittlerweile als Überlebensthema. Wie konnte der Vatikan so lange dazu schweigen?
Edenkofer: Der Klima- und Umweltschutz tauchte schon in mehreren Enzykliken auf, aber immer nur am Rande. Die Kirche war immer sehr skeptisch gegenüber der grünen Bewegung der siebziger Jahre. Aus vatikanischer Sicht standen dort zu sehr die Folgen einer wachsenden Weltbevölkerung am Pranger. Und das Thema Klimawandel hat der Vatikan lange Zeit für geradezu absurd gehalten.
SZ: Obwohl viele Katholiken in Regionen leben, die den Klimawandel am ehesten spüren?
Edenkofer: Ja, und es waren auch Bischöfe des Südens, die als erste auf den Tisch gehauen haben. Bis dahin galt der Klimawandel als Luxusproblem der Reichen. Der Kampf gegen die Armut war der Kirche wichtiger als der gegen den Klimawandel. Das hat Franziskus gut aufgelöst.
SZ: Nämlich wie?
Edenkofer: Laudato si verbindet
Armut, Ungleichheit und den Klimawandel
miteinander, also die drei zentralen ethischen Herausforderungen. Sie ist deshalb auch keine Klima-, sondern eine
Gerechtigkeits-Enzyklika.
Sie stellt nicht das Bevölkerungsproblem ins Zentrum, sondern die Verteilung. Die Reichen verursachen den Klimawandel, die Armen tragen die Folgen. Und der Papst sagt klar: Verantwortlich ist die Verbrennung von Kohle, Öl und Gas und die Abholzung von Wäldern. Das war überfällig.
SZ: Schön und gut, aber was ändert es?
Edenkofer: Eine ganze Menge. Es gibt in der Enzyklika einen Satz, der heißt: Die Atmosphäre ist ein Gemeinschaftseigentum der Menschheit, ein Gemeinschaftsgut von allen für alle. Ein revolutionärer Satz.
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