Für den Berliner Politikwissenschaftler
Herfried Münkler
ist Deutschland gerade auf Grund seiner Vergangenheit, in der es schwerste Verbrechen begangen habe, geeignet, die Führungsrolle in Europa zu übernehmen. Ideen wie der von den Vereinigten Staaten von Europa erteilt Münkler eine Absage. Damit provoziert er in seinem Essay
Macht in der Mitte. Edition Körber-Stiftung, 208 Seiten, 18 Euro.
Europa müsse mit Deutschland endlich ein
Zentrum
finden, welches seine politische, ökonomische und kulturelle Macht besonnen ausüben könne. Frei von Einkreisungsängsten, die in der Vergangenheit zu gefährlichen Abenteuern, ideologischen Überschüssen und Zweifrontenkriegen geführt hätten.
„Offenbar ist das mentale Bedürfnis nach zentrierten Räumen eine anthropologische Konstante bei der imaginativen Vergegenwärtigung der Welt.“
Nach Münkler kann Deutschland die EU als Machtgebilde erhalten, stabilisieren, wirtschaftlich stärken und konfliktarm ausgestalten. Sehr wohl habe Deutschland als Nationalstaat das Interesse, das Gemeinwohl der gesamten EU zu befördern, weil es gleichsam in seinem Eigeninteresse liege. Frankreich und die südlichen EU-Staaten seien zur Übernahme dieser Rolle insgesamt zu schwach. Deutschland müsse noch stärker als bisher seine Rolle als
Zahlmeister und Zuchtmeister
spielen, um die EU wirtschaftlich zu stärken, damit sie im globalen Wettbewerb mithalten könne, und dabei die anderen EU-Staaten mitziehen.
Ja, Deutschland solle sogar seine kulturelle Macht ausbauen, um akzeptiert zu werden. „Das beginnt bei der Attraktivität seiner Universitäten für ausländische Studenten … und endet bei der Reputation von Orchestern und Opernhäusern.“ (Adam Soboczynski, Die Zeit 7.5.15)
Mit seinen Thesen wird sich Herfried Münkler keine Freunde machen. Ich stimme ihm trotzdem im Wesentlichen zu.