891: Was Naomi Klein weiß.

Naomi Kleins Buch „No Logo“ wurde 2000 zur Bibel der Globalisierungskritiker. 2007 kritisierte die Kanadierin den Neoliberalismus in ihrem Buch „Die Schock-Strategie“. Nun ist ihr Buch zum Klimawandel erschienen

„Die Entscheidung. Kapitalismus vs. Klima.“ Frankfurt am Main (Fischer) 2015, 704 S., 26,99 Euro.

Thomas E. Schmidt und Anne Ameri-Siemens haben sie interviewt (Die Zeit 26.3.15; FAS 29.3.15).

Ist es überhaupt noch möglich, die globale Erwärmung auf zwei Grad zu begrenzen, wie es sich die Staatengemeinschaft jahrelang zum Ziel gesetzt hat?

Klein: Mit dem jetzigen System sind zwei Grad sehr unrealistisch, aber physikalisch ist es nicht unmöglich.

Damit wären wir wieder bei dem Plan. Was muss geschehen, damit es gelingt?

Klein: Weltweit und ab sofort müssten die Emissionen um sechs Prozent gesenkt werden. Europa und die USA – kurz gesagt: die reicheren Länder – müssten mit acht bis zehn Prozent Einsparung pro Jahr mehr Belastung übernehmen. Und entscheidend ist, dass der Wandel von Wirtschaft sowie politischer und gesellschaftlicher Kultur gerecht vollzogen wird. … In den USA wird dies nur geschehen, wenn eine soziale Bewegung von unten Druck macht. Demokraten und Republikaner werden von den mächtigen Energiekonzernen finanziert. Da gibt es gar keine andere Möglichkeit, als dass eine Bewegung aus der Bevölkerung auf einer Umstellung auf einhundert Prozent erneuerbare Energien beharrt – und dieser Wandel muss bis 2020, spätestens 2030 geschehen.

Sie behaupten, es sei nötig, den Kapitalismus abzuschaffen. Aber der Sozialismus war ökologisch auch nicht die Lösung – oder?

Klein: Ich sage ja, dass der industrialisierte Sozialismus nicht besser war. Diese Alternative schlage ich wirklich nicht vor. Aber: Es gibt keine nichtradikalen Optionen. Wir brauchen einen radikalen Wechsel, auch im Wirtschaftssystem. Sie können sagen, das mögen wir in Deutschland nicht, wir setzen auf schrittweisen Wandel. Aber das heißt nicht, dass radikale Lösungen nicht nötig wären.

Was tun Sie, um die Leute davon zu überzeugen, dass es schneller gehen muss? Glauben Sie noch an die Kraft vernünftiger Argumente?

Klein: Nein, ich glaube nicht mehr, dass rationale Argumente etwas an der Machtverteilung ändern. Ich persönlich möchte vor allem keine Angst verbreiten. Es geht nicht um Furcht. Ich schreibe lediglich Bücher, die möglicherweise für die Bewegung nützlich sind. Ich selbst bin niemand, der sich irgendwo einreiht. Ich bin eine Schriftstellerin, und Schriftsteller sind Einzelgänger. Früher habe ich, wie viele, daran geglaubt, dass kluge Bücher die Welt verändern können. Etwas später war ich dann ziemlich enttäuscht. Ich bin zu dem Schluss gekommen, dass Bewegungen die Welt verändern können.

Christiane Grefe schreibt in ihrer Rezension von Naomi Kleins Buch: „Naomi Kleins Buch ist erhellend als Blick zurück im Zorn. Für den Blick nach vorn aber muss man andere Bücher lesen.“ (Zeit Literatur März 2015)

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