885: Ende des Kapitalismus ?

Der real existierende Kapitalismus ist eine moralisch fragwürdige Sache. Er beruht auf dem Eigennutz und soll durch die Verfolgung privater Interessen allgemeine Wohlfahrt hervorbringen. Sein einziges Maß ist der Profit (Gewinn). Insofern kann der Kapitalismus das Allgemeinwohl nur fördern, wenn er demokratisch beherrscht wird. Er muss domestiziert werden. Es hat der Primat der Politik zu gelten. Die großen Energiekonzerne z.B. haben dem zu folgen, was im Parlament etwa zur Energiewende beschlossen wird. Das funktioniert gar nicht immer einfach.

So moralisch fragwürdig der Kapitalismus ist, so klar ist zugleich, dass er jedem real existierenden Sozialismus auch moralisch überlegen ist. Der real existierende Sozialismus ist eine Gewaltherrschaft, die keine Demokratie, keinen Rechtsstaat, keine Gewaltenteilung etc. kennt. Der wichtigste Protagonist des realen Sozialismus ist Stalin. Die wichtigste und erfolgreichste Form des Kapitalismus ist der US-Kapitalismus, der gemeinsam mit Stalin den Faschismus (in der Hauptform des deutschen Nationalsozialismus) besiegt hat.

Weil der Kapitalismus so unmoralisch ist, wird gerne über sein Ende philosophiert. Zwar habe er viele Widersacher besiegt wie die Arbeiterbewegung, er wende sich aber auch gegen die Natur, gerate außer Kontrolle und mache schließlich vor seiner eigenen Substanz nicht halt, er zerstöre sich selbst. Wie Pyrrhus.

Wenn hier mal nicht der Wunsch der Vater des Gedankens ist!

Denn zu wenig untersucht ist die Dynamik des Kapitalismus, seine Flexibilität, wie es ihm immer wieder gelingt, seine Krisen zu bewältigen. Das geschieht meistens durch die Schaffung neuer Bedürfnisse, die vorher gar nicht vorhanden waren. So hat der Kapitalismus seine Profitrate gehalten, bisweilen sogar erhöht.

Nur wenn gezeigt werden könnte, dass Karl Marx Gesetz vom tendenziellen Fall der Profitrate richtig ist, wäre ein nahendes Ende des Kapitalismus in Sicht. Hier zeigt sich übrigens nebenbei, dass die Bekämpfung des Wachstums durch einige Gutmenschen ökonomischer Unsinn ist. Nur durch Wirtschaftswachstum sind die Profite zu gewährleisten. Die können dann gerecht verteilt werden. Oder ungerecht.

Bei der Gelegenheit habe ich mich erinnert, dass mein Freund Kurt Erdmann, einige Kommilitonen und ich im WS 1970/71 Marx‘ Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate untersucht und, soweit es ging, berechnet haben. Das war in der Übung „Probleme des organisierten Kapitalismus“ von Hans-Paul Bahrdt. Gehalten von seinem Assistenten Horst Kern, dem späteren Präsidenten der Universität Göttingen. Unser Thema hieß „Das Gesetz des tendenziellen Falls der Profirate – Grundsätzliche Kritik und empirische Überprüfung durch Gillman“. 1969 war Joseph M. Gillmans Buch über das Gesetz des tendenziellen Falls der Profitrate erschienen.

Die jungen Forscher gelangten u.a. zu folgendem Ergebnis: „Wenn auch Marx‘ Herleitung des Gesetzes nicht in letzter Hinsicht schlüssig ist und teilweise eigene Erkenntnisse offenbar nicht voll berücksichtigt, folgt daraus nicht, dass die allgemeine Profitrate unbegrenzt konstant bleiben kann oder steigen muss. … Werden andererseits bei Marx entwickelte Kategorien wie produktive und unproduktive Arbeit stärker in die Analyse einbezogen, wenn auch vielleicht nicht so schematisch wie bei Gillman, so ergibt sich, wie für die USA gezeigt, mit einiger Plausibilität eine Tendenz zur fallenden Nettoprofitrate. Dies heißt nicht direkter ökonomischer Zusammenbruch. Und wahrscheinlich kann eine größere Krise oder eine Folge von zum Zusammenbruch des Kapiatlismus führenden Krisen vermieden werden. Es bedeutet aber ungeheuer anwachsende unproduktive Ausgaben (vor allem mit Hilfe des Staates) und permanente Manipulation der Konsumenten. Wobei es fraglich erscheinen muss, ob die Verwertungsschwierigkeiten letzten Endes anders als über den Rüstungssektor (mit Weltraumfahrt) durch eine Art von Neo-Imperialismus aufgefangen werden können.“

Ich staune manchmal, was wir (im WS 70/71) für wichtige Fragen und Probleme studiert haben.

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