Keiner kann heute die Entwicklung im Nahen Osten vorhersagen. Es sind allenfalls Trends absehbar. Zu beobachten ist ein Verfall der staatlichen und der regionalen Ordnung. Ein neues Sykes-Picot-Abkommen (1916) ist nicht zu sehen, das die Ordnung des Nahen Ostens fundieren könnte.
Der Direktor des Deutschen Instituts für Internationale Politik und Sicherheit, Volker Perthes (SZ 10.3.15), formuliert dazu fünf Thesen, die ich hier als Grundlage nehme, soweit sie mir geeignet erscheinen:
1. Die internationalen Spieler, USA, EU, Russland, China, halten sich heraus und blockieren sich gegenseitig (wie in Syrien).
2. Syrien und Irak sind keine aktiven Spieler mehr. Ägypten ist mit sich selbst beschäftigt. Die relevanten Regionalmächte sind
Saudi-Arabien
und
Iran (als kommende Atommacht).
3. Der israelisch-palästinensische Konflikt verliert an Bedeutung für die Region, aber nicht für Israel und Palästina. Neue Gewaltausbrüche sind dort wahrscheinlich. Israels Stärke kann eine trügerische Form der Selbstsicherheit fördern und dazu beitragen, dass eine Zwei-Staaten-Lösung endgültig verpasst wird. Das wäre furchtbar. Fast selbstmörderisch für Israel.
4. Bürgerkriege lassen sich nicht mehr auf einen Staat eingrenzen.
5. Der Islamische Staat (IS) ist der Versuch, einen totalitären, expansiven Staat zu errichten, der – anders als die kurdische Regionalregierung in Erbil, die syrisch-kurdischen Kantone oder die palästinensische Autorität – keine Anerkennung durch die Staatengemeinschaft sucht, nicht in die Vereinten Nationen (UN) aufgenommen werden möchte, sondern die internationale Ordnung als ganze ablehnt.
W.S.: Es wäre ein schlimmes moralisches, politisches und militärisches Versagen der UN, wenn es ihnen nicht gelingt, den IS zu besiegen.