Als 1776 mit der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung die Menschenrechte verkündet wurden, wurde für die Vereinten Nationen von heute (1948 gegründet) die moralische Basis gelegt. Die Menschenrechte sind der Maßstab für die Beurteilung von Politik. Jeder einzelne Mensch auf der ganzen Welt genießt die Menschenrechte – oder eben nicht. Das sehen wir gegenwärtig deutlich insbesondere an Flüchtlingen und Migranten.
Diejenigen, welche die Menschenrechte erklärten, waren hauptsächlich aus Großbritannien ausgewanderte Menschen, die dort ihre Religion nicht mehr so ausüben konnten, wie es ihnen richtig schien. Es waren Protestanten, die ihr geistliches Fundament in der Reformation (1517 Luthers Thesenanschlag) bekommen hatten. Eine ihrer wichtigsten Überzeugungen bestand in Unmittelbarkeit des Einzelnen zu Gott. Die Reformation hatte sich entwickelt auf dem Boden der Renaissance und des Humanismus (Erasmus von Rotterdam 1466-1536), der Wiederbesinnung auf die antike Philosophie und Gesellschaftslehre. Insofern ist es nicht falsch zu behaupten, die Menschenrechte stammten aus Athen. Sie sind heute im Grundgesetz (seit 1949) fest verankert.
Wenn wir die Menschenrechte zum Maßstab nehmen, dann sind heute Gesellschaften wie die russische, die chinesische und die indische besonders rückständig. Aber dort gerade regt sich auch Widerstand gegen die Anerkennung der Menschenrechte. Diese werden zu einem westlichen Exportartikel erklärt, zu einem Mittel des westlichen Imperialismus. Inzwischen zweifeln auch westliche Wissenschaftler an der Tauglichkeit der Menschenrechte als alleingültigem Maßstab für die Bewertung von Politik. Der US-Amerikaner Mark Lilla kritisiert, dass es nicht genügt, nur an einem „libertären Dogma“ festzuhalten (Die Zeit, 4.9.14). „Das libertäre Dogma hat keinen Wirklichkeitssinn, es ist weder neugierig darauf, wie wir bis hierher gekommen sind, noch will es wissen, wohin wir gehen. Gebt den Einzelnen größtmögliche Freiheit über sämtliche Aspekte ihres Lebens – und alles wird gut.“
Für den indischen Schriftsteller Pankaj Mishra muss sich der Westen in den gegenwärtigen Weltkrisen von seinem „selbstverliebten Universalismus“ verabschieden (FAS 14.9.14). Er registriert eine Abwendung vom nordamerikanisch-europäischen Modell. „Nicht nur der Islam, der Hinduismus oder die russisch-orthodoxe Kirche, sondern auch quietistische Religionen wie der Buddhismus haben militante Neuauflagen erlebt. Auch wenn viele westliche Apologeten des Kapitalismus mit ihren Vorstellungen etwas anderes suggerieren wollten, …“ Dem Westen fehle der Wille zur Berücksichtigung außerwestlicher Interessen. Sein Weg zur Moderne dürfe nicht der einzige sein, kein Standard.
Standardisierungen sind in der Politik stets gefährlich. Und Heilserwartungen dürfen sie nirgends bestimmen. Aber an den Menschenrechten als universellem Maßstab sollten wir – der Westen – unverbrüchlich festhalten. Es geht nicht an, dass ein Mensch in London andere Rechte hat als in Pjöngjang, auch wenn sie ihm dort bisher bei weitem nicht gewährt werden. Kulturelle Vielfalt wird gerade von den Menschenrechten verbürgt. Aber wir können nicht abgehen von Demokratie, Rechtsstaatlichkeit, Sozialstaatlichkeit, unabhängiger Justiz, Gleichberechtigung von Frauen, Recht auf Bildung etc.
Die Menschenrechte gelten grundsätzlich universell.
Das ist auch dann richtig, wenn Mark Lilla Recht hat mit der folgenden Aussage: „Die Wahrheit ist, dass Milliarden von Menschen nicht in freiheitlichen Demokratien leben werden – nicht in unserer Lebenszeit, nicht in der Lebenszeit unserer Kinder und Enkel, ja vielleicht niemals. Das liegt nicht nur an Kultur und Sitten. Hinzu kommen ethnische Spaltungen, religiöses Sektierertum, Analphabetismus, wirtschaftliche Ungerechtigkeit, von Kolonialmächten ohne Sinn und Verstand auferlegte nationale Grenzen. … Die Liste ist lang.“