695: Drohnen genau so unmoralisch wie Atombomben

Der US-amerikanische Wissenschaftshistoriker George Dyson hat ein Buch mit dem Titel „Turings Kathedrale“ geschrieben. Darin schildert er, wie eine Gruppe von Wissenschaftlern in den vierziger Jahren des vorigen Jahrhunderts den ersten digitalen Computer baute und wie es mit den Computern weiterging. Tobias Kreutzer hat ihn für die FAZ interviewt (11.10.14).

FAZ: Im letzten Kapitel von „Turings Kathedrale“ stellen Sie die These auf, dass das Web 2.0 sich bereits wieder in eine eher analoge Richtung bewegt. Was meinen Sie damit?

Dyson: Ich finde diese Erkenntnis extrem wichtig, und die Leute scheinen sie nicht zu verstehen. Analoge Verfahren haben einen sehr schlechten Ruf. Die Menschen glauben, sie seien gestrig und ausgestorben. Aber wenn man sich ansieht, was all diese Internetfirmen tun und womit sie soviel Geld machen, dann wird klar, dass ihr Geschäft ein größtenteils analoges ist. Der Wert von Facebook liegt doch darin, ungefähr zu wissen, wie regelmäßig Menschen auf irgendetwas klicken. Es geht um eine Frequenz, nicht um einen digitalen Code.

FAZ: Und was wird der nächste Schritt sein?

Dyson: Ich glaube, dass jemand diese Entwicklung erkennen und zu fianzieren beginnen wird. Firmen werden wieder nach Spezialisten für das Analoge suchen, während solche Leute heute noch nicht einmal zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Experten werden an Technologien arbeiten, die das Digitale nutzen, um analoge Arbeit zu leisten. Und wenn wir annehmen, dass die treibenden Kräfte hinter der digitalen Revolution der Krieg und das Wettrüsten waren, dann ist der Auslöser für diese neue Revolution die Drohnentechnologie. Menschen, die an Drohnen arbeiten, wollen autonome Maschinen, die über Dinge selbst entscheiden können. Die Wasserstoffbombe galt als unethisch, weil sie sich gegen ziviles Leben richtete, und mit Drohnen ist es ähnlich. Diesmal entscheidet eine kleine, intelligente Maschine darüber, ob es sich bei jemanden um einen bösen Menschen handelt oder nicht, und tötet dann genau diese eine Person. Niemals wird dabei aus Versehen der Nachbar zusätzlich getroffen werden. Aber eine Entscheidung über Leben und Tod eines Individuums zu fällen, halte ich für ebenso unethisch. Im Bezug auf den moralischen Albtraum, den sie eröffnen, sind Drohnen ebenso schlimm wie Nuklearwaffen.

W.S.: Bedenken wir dabei bitte, dass es Atomwaffen waren, die in Nordamerika, Europa und Nordasien seit 1945 über Jahrzehnte den Frieden bewahrt haben.

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