Am „Internationalen Tag der Menschenrechte“ haben 560 Autoren in 30 internationalen Zeitungen (in Deutschland in der FAZ) den Aufruf „Die Demokratie verteidigen im digitalen Zeitalter“ publiziert. Sie protestieren damit gegen die flächendeckende Ausspähung durch die NSA (und befreundete Geheimdienste).
Initiiert worden war der Aufruf an die Weltgesellschaft von
Juli Zeh,
Ilja Trojanow,
Eva Menasse,
Josef Haslinger,
Janne Teller und
Priya Basil.
Unterzeichnet wurde der Aufruf u.a. von den Literaturnobelpreisträgern J.M Coetzee, Günter Grass, Elfriede Jelinek, Orhan Pamuk und Tomas Tranströmer. Unterschrieben haben Don deLillo, Umberto Eco, Peter Esterhazy, David Grossmann, Daniel Kehlmann, Jonathan Lyttell und Liao Yiwu.
Die deutsche Politik hat bisher kaum reagiert. Die deutsche Öffentlichkeit ebenso. Das könnte einmal daran liegen, dass unsere Politiker nicht den Mumm haben, sich mit den USA anzulegen. In der Bevölkerung wird die Bedrohung anscheinend noch nicht voll erkannt.
Ganz andere Interessen als die Autoren verfolgen die Konzerne
Google,
Microsoft,
Twitter,
AOL,
Yahoo und
LinkedIn.
Auch sie haben eine Kampagne für eine Reform der staatlichen Überwachungsprogramme gestartet. Sie appellierten an den US-Präsidenten Barack Obama und die Mitglieder des Kongresses, die Speicherung von Daten aus dem Internet einzuschränken und auf Zielpersonen zu beschränken. Hier sollten wir skeptisch bleiben. Denn wie schon zu sehen war, haben viele dieser Unternehmen gerne mit der NSA zusammengearbeitet, als es darum ging, die flächendeckende Überwachung zu organisieren. Dafür verwandten wir früher den Begriff des
Staatsmonopolistischen Kapitalismus.
Inhaltlich könnte uns Helmuth Plessner (1892-1985) Aufklärung geben. In seinem bewegten und von der Emigration geprägten Leben als Wissenschaftler hat er von 1952 bis 1962 in Göttingen Soziologie gelehrt. Seine Hauptwerke sind:
Grenzen der Gemeinschaft. Eine Kritik des sozialen Radikalismus. 1924,
Die Stufen des Organischen und der Mensch. 1928,
Die verspätete Nation. Über die politische Verführbarkeit bürgerlichen Geistes. 1959.
Gustav Seibt (SZ 14./15.12.13) gibt uns einen kurzen Überblick darüber, worum es tatsächlich geht. „Das Empörende der klassischen Geheimdienstüberwachung in ihrer handwerklichen Form als Personalbeobachtung war immer die Verletzung der zivilisatorischen Schutzhüllen um den Kern der Person. Metternichs Geheimpolizei ließ in geschäftigen Jahren 15.000 Briefe öffnen, die Siegel wichtiger Zielpersonen wurden dafür eigens nachgeschnitten. Der neugierige Staatsmann vertiefte sich gerne in die Liebesaffären seiner Feinde; über die Frequenz der Bordellbesuche seines Mitarbeiters
Friedrich Schlegel
war er im Bild. Aus solchen Erfahrungen resultierte der Verfassungsrang, den die bürgerliche Welt dem Briefgeheimnis und der Privatsphäre gab. Die bloße Vorstellung, dass die Staatssicherheit im eigenen Schlafzimmer anwesend sein konnte, musste um so verstörender wirken; diese Verstörung zählte neben dem Sammeln von Informationen zu den Zwecken ihres Tuns. Ausspähen, Abhören, Einschüchtern, das Verletzen der Menschenwürde gehörten in totalitären Staaten immer zusammen.
Wer Sätze plappert wie den, er habe nichts zu verbergen, hat vom Menschen als Kulturwesen nichts begriffen. Der Philosoph Helmuth Plessner hat 1924 in seiner genialen Frühschrift ‚Grenzen der Gemeinschaft‘ auf die Funktion der
Maske
für jeden zivilisierten Umgang hingewiesen. Das schon damals diskutierte Ideal totaler Aufrichtigkeit und vollständiger Transparenz führt in die
Barbarei.
Als Menschen sind wir Personen, der Begriff kommt vom lateinischen Wort für Maske. Wir spielen Rollen und geben uns eine Form. Wenn ein Beobachter von außen das tut, was nur den Nächsten und Geliebten zukommt, nämlich hinter die Maske zu blicken, verletzt er die Humanität überhaupt.“