Erzbischof Gerhard Ludwig Müller ist seit einem halben Jahr Präfekt der Römischen Glaubenskongregation. In einem Interview mit Paul Badde („Die Welt“ 2.2.13) gibt er Auskunft über die Weltanschauung der katholischen Kirche. Das wird vielen nicht gefallen.
So sagt er auf die Frage nach dem Wesentlichen, über das man sprechen müsse: „Die Forderung nach einem sakramentalen Weiheamt für die Frau. Es ist nicht möglich. Nicht weil die Frauen weniger wert wären, sondern weil es in der Natur des Weihesakraments liegt, dass Christus in ihm repräsentiert wird als Bräutigam im Verhältnis zur Braut. Auch eine Akzeptanz gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ist für die katholische Kirche nicht möglich. Solche Partnerschaften sind grundsätzlich in keiner Weise mit den Ehen gleichzustellen. Nächstes Beispiel: Der Zölibat der Priester entspricht dem Beispiel und Wort Jesu und hat in der geistlichen Erfahrung der lateinischen Kirche eine besondere Ausprägung gefunden. Es gibt keine Anzeichen, dass die Verantwortlichen in der Kirche daran rütteln würden, aus bestimmten falschen Vorstellungen heraus, als wäre es eine Naturnotwendigkeit, Sexualität zu praktizieren, innerhalb oder außerhalb einer Ehe. Oder weil man meint, den Zölibat einer pastoralen Strategie opfern zu müssen. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen ist im Evangelium grundgelegt.“
Auf die Frage nach dem Fortschritt in der Ökumene: „Ja, aber leider tun sich plötzlich in wichtigen ethischen Fragen neue Differenzen auf. Es gibt offizielle Verlautbarungen, von denen wir im ökumenischen Dialog nicht mehr sehen, wie das mit klaren Aussagen der Heiligen Schrift in Einklang steht. Wenn mit historisch kritischen Methoden alles relativiert oder als zeitbedingt dargestellt wird, wie kann dann die Bibel noch Norm für das Leben sein? Die ethischen Prinzipien sind nicht zeitbedingt. Mann und Frau, die eine Ehe bilden, wo Kinder beheimatet sind, das ist Ausdruck des Schöpferwillens Gottes. Das hat nichts mit Zeitbedingtheit zu tun.“
Auf die Frage, ob Müller die Skepsis des US-Kardinals Francis George teile: „Gezielte Diskreditierungskampagnen gegen die katholische Kirche in Nordamerika und auch bei uns in Europa haben erreicht, dass Geistliche in manchen Bereichen schon jetzt ganz öffentlich angepöbelt werden. Die daraus entstandene Stimmung sieht man in vielen Blogs. Auch im Fernsehen werden Attacken gegen die katholische Kirche geritten, deren Rüstzeug zurückgeht auf den Kampf der totalitären Ideologien gegen das Christentum. Hier wächst eine künstlich erzeugte Wut, die gelegentlich schon heute an eine Pogromstimmung erinnert.“
Liebe Leser, es ist ja ganz klar, dass die katholische Kirche bestimmen kann, was sie für richtig hält. Das geht mich als Nicht-Katholiken vielleicht wenig an. Ich weiß aber, dass mir hier in Göttingen Katholiken begegnen wie andere Menschen auch. Das kommt mir selbstverständlich vor. Es gefällt mir. Die historisch-kritischen Methoden der Theologie bezeugen deren Modernität und Zeitgemäßheit. Was der Präfekt über die Zeitbedingtheit und die Sexualität sagt, halte ich für Quatsch. Seine Sprache enthält viel Qualm. Muss das eigentlich so sein? Was sollen eigentlich Frauen von der katholischen Kirche halten? Und zeugt es von der Menschenfreundlichkeit der katholischen Kirche, wenn eine Frau, die wahrscheinlich vergewaltigt worden ist, in zwei katholischen Kliniken die Hilfe verweigert wird, weil nach der katholischen Glaubenslehre die „Pille danach“ unmoralisch ist und Klinikmitarbeiter dienstrechtliche Maßnahmen fürchten, wenn sie der Frau helfen würden?