3504: Raquel Erdtmann: Für Juden gibt es kein freies, selbstbestimmtes Leben in Deutschland.

Raquel Erdtmann legt in der „Welt“ vom 17.7.21 überzeugend dar, dass und warum es für Juden in Deutschland kein wirklich freies und selbstbestimmtes Leben gibt. Ich verkürze:

1. „Die deutschen Juden sind unverbesserliche Optimisten, sehen wach und genau, was passiert, und glauben dennoch an das Gute. Trotz jahrhundertelanger Erfahrung mit Pogromen, dem erzwungenen Leben im Getto, dem gelben Hut, den zu tragen im Mittelalter als gelber Stern in der Nazi-Zeit wiederkehrte, liebten sie dieses Land. Um zurück geliebt zu werden, gaben viele von ihnen im 19. Jahrhundert ihre Traditionen auf, erkauften sich Stellung und Ansehen mit Taufe und Assimilation.“

2. Aus den vielen Talenten, welche die Juden zum deutschen Leben beisteuerten (Wissenschaft, Recht, Handel, Sport, Politik etc.), entstand der Begriff der „deutsch-jüdischen Symbiose“.

3. In der Weimarer Republik, also nur in einem winzigen Zeitfenster in der langen deutsch-jüdischen Geschichte, wurden die Juden wirklich gleichberechtigt. Sie konnten im Staatsdienst zum Minister aufsteigen und in der Armee zum Offizier.

4. Am Ersten Weltkrieg hatten Juden in überdurchschnittlicher Zahl, proportional zu ihrer Bevölkerungszahl, freiwillig als Soldaten teilgenommen.

5. Sie errichteten ihren Toten statt der traditionellen schlichten Grabsteine pompöse Grabmäler nach christlichem Vorbild (so etwa in Berlin-Weißensee).

6. Wer zu Reichtum gekommen war, stiftete und förderte (bei Universitäten, Forschungseinrichtungen, Kunstsammlungen, Armenspeisungen, Fußballvereinen).

7. Heute reagieren viele Deutsche bei antisemitischen Anfeindungen mit Wegsehen und Beschweigen, aus Hilflosigkeit.

8. Als Israel 1948 gegründet wurde, verband sich für die überlebenden Juden in Europa damit die Hoffnung, nun einen sicheren Zufluchtsort zu haben.

9. Die Kinder der „Displace Persons“, die nach 1945 nicht schnell genug aus Deutschland weggekommen waren, wurden alsbald eingeschult.

10. Durch die Besetzung der Bühne gegen Rainer Werner Fasbinders Stück „Die Stadt, der Müll und der Tod“ 1977 zeigten Juden, dass sie da waren und bleiben wollten.

11. Angriffe, Bedrohungen, ein Niederreden in Hochschulen und Anschläge auf jüdische Einrichtungen gab es in den siebziger Jahren nur aus dem linksradikalen Milieu (SDS, K-Gruppen, DKP usw.).

12. Und in Israel war spätestens seit 1967 klar, dass sich der einst demütige Gettojude wehrte gegen seine Vernichtung. Mit Soldaten.

13. Konservative Deutsche entwickelten Sympathie für den kleinen, wehrhaften Judenstaat.

14. „Die Deutschen und das Militär, das war jahrhundertelang eine große Liebe, und niemand beschrieb das bis heute besser als der Dichter Heinrich Heine.“

15. In den von Jan Philipp Reemtsma organisierten und finanzierten Wehrmachtsausstellungen wurde vollends klar, dass die Wehrmacht keineswegs sauber gewesen war. Das hätte man auch schon früher wissen müssen.

16. „Heute brauchen echte Antisemiten sich nur den Mantel der legitimen Israelkritik umzuhängen und der Kunstbetrieb verteidigt sein Recht auf freie Meinungsäußerung. Die Mehrheit im Land stöhnt schon beim Wort Antisemitismus, es berührt und interessiert sie nicht.“

17. Martin Walser sprach bei der Entgegennahme des Friedenspreises des deutschen Buchhandels von dem „Mahnmal der Schande“ und der „Auschwitzkeule“. Und fast alle applaudierten.

18. Die Juden aus der Sowjetunion, die nach 1991 kamen, brachten wenig Frömmigkeit und das Bewusstsein mit, die Befreier der Deutschen vom Nationalsozialismus zu sein.

19. 2014 markierte den Bruch. Der 1979 von Ajatollah Khomeini ins Leben gerufene „Al-Quds-Tag“ etablierte sich nach den Raketenangriffen der Hamas auf Israel als Kampftag gegen die „israelische Besatzung“.

20. Üblich wurden Parolen wie „Kindermörder Israel“ und „Juden ins Gas“. Und vor den Einfamilienhäusern der Alt-68er stehen selbstgemalte Schilder mit „Free Palestine“ und „Free Gaza“.

21. Die Juden weltweit sehen Israel u.a. als Exit. „Oft mit schlechtem Gewissen, weil die Israelis diesen Zufluchtsort unter Einsatz ihres Lebens sichern, während man hier bequem vom Sofa aus die Nachrichten guckt.“

22. Verschwörungstheorien von der „jüdischen Weltherrschaft“ sind wieder in Mode.

23. In den anthroposophischen Bewegungen, die mit ihrem Antisemitismus den Protest gegen die Corona-Maßnahmen anführen, findet man heute leicht den Anschluss an die „Reinheit der Rasse“ und die „Gesunderhaltung des deutschen Volkskörpers“.

24. „Juden sind wieder die ‚anderen‘, die Fremden, eine Projektionsfläche für links und rechts, für Islamisten sowieso.“

Kommentar W.S.: Das ist die furchtbare und tragische Wahrheit.

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