Die französische Verlegerin Vanessa Springora (Edition Julliard) erzählt in ihrem autobiografischen Erfahrungsbericht „Le Consentement“ (der jetzt auf Deutsch erscheint) davon, wie sie als Vierzehnjährige von dem als pädophil bekannten Schriftsteller Gabriel Matzneff missbraucht wurde. Das hat in Frankreich einen Schock ausgelöst. Viele linksliberale Intellektuelle haben inzwischen Selbstkritik geübt. Ute Cohen hat Frau Springora in der Literarischen Welt“ (6.6.20) interviewt.
Literarische Welt: Matzneff ist eher mit Klaus Kinski , der seine Tochter missbraucht hat, vergleichbar. Liest man dessen Autobiografie, findet man Hinweise auf sexuelle Gewalt.
Springora: Oh, davon wusste ich nichts. Das erstaunt mich aber nicht bei diesem Charakter. Kinski war ein anrüchiger Mensch …
Literarische Welt: 1977 wurde in „Le Monde“ eine Petition veröffentlicht, die sich für straffreien Sex zwischen Erwachsenen und Minderjährigen aussprach. Unterzeichner waren viele französische Intellektuelle.
Springora: In diesem Brief steckt eine gewisse intellektuelle Unredlichkeit. Er gibt vor, die Sexualität Heranwachsender zu unterstützen, in Wirklichkeit aber verteidigt er die abweichende Sexualität Pädophiler. Homosexuelle wie Roland Barthes unterzeichneten, weil sie doppelt bestraft wurden: Homosexualität war verboten, Sex mit einem Siebzehnjährigen zum Beispiel ebenso. Barthes wollte vielleicht Sauerstoff in diese erstickende Atmosphäre einführen. Das aber war ein Trugschluss, denn Pädophilie und Homosexualität sind zweierlei Dinge: Homosexualität ist eine sexuelle Präferenz, Pädophilie aber ein psychiatrisches Krankheitsbild. Bis in die neunziger Jahre hinein haben Pädophile versucht, ihre Interessen durchzusetzen.
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