2011 erschien Eugen Ruges erster Roman „In Zeiten abnehmenden Lichts“, die Schilderung eines kommunistischen Veteranengeburtstags kurz vor dem Ende der DDR. Er war gleich ein Erfolg, bekam den Deutschen Buchpreis und wurde ein Bestseller. Er hatte ungeheure Substanz. Nun publiziert der 1954 in Westsibirien geborene diplomierte Mathematiker einen Roman ähnlichen Kalibers:
Metropol. Hamburg (Rowohlt) 2019, 431 S.
Er ist benannt nach dem berühmten Hotel im Moskau der dreißiger Jahre, in dem Geheimdienstmitarbeiter der Komintern „untergebracht“ waren. Ruge betont: „Ich habe der Stalinismus-Forschung nichts hinzuzufügen.“ (S. 415)
Aber er konnte sich auf die Kaderakte seiner Großmutter Charlotte stützen (bekannt schon aus dem ersten Roman), die er in Moskau finden konnte (246 Seiten). Sie war nach ihrer Scheidung von Erwin Ruge mit Hans Baumgarten zusammen. Im Roman, der im Gestus des „Tatsachenromans“ daherkommt, Charlotte und Wilhelm. Die überzeugten Kommunisten arbeiteten beim Nachrichtendienst der Komintern. Die beiden Söhne aus der Ehe mit Ruge trifft Charlotte gelegentlich in Moskau, wohin die Familie 1933 emigiert war. Dort geraten sie in die Machenschaften des Stalinismus (es wäre gut, wenn unsere Linken das einmal ernsthaft zur Kenntnis nehmen würden). Insbesondere in die der Tschistka (1936-1938), der großen Säuberung (Opfer u.a. Sinowjew, Kamenew, Bucharin, Radek, Heinz Neumann, Tuchatschewski). Charlotte und Jean Germain, wie ihre Decknamen lauten, wurden 1936 in das Hotel „Metropol“ einquartiert. Dort mussten sie 477 Tage leben, bis sie, was nicht begründet erschien, im Auftrag der Komintern nach Frankreich ausreisten.
Bei Ruge erleben wir das Misstrauen, die Missgunst, die Verdächtigungen, die Spitzelei, die Denunziationen der Kommunisten. Bedrückend, erschreckend, unfassbar. Es geht bis dahin, dass die Beschuldigten massenhaft Dinge gestehen, die sie nie begangen haben. Eine unsägliche Rolle spielt dabei wie in der Realität u.a. der deutsche Schriftsteller
Lion Feuchtwanger,
der tatsächlich mehrere Monate im Zimmer neben Charlotte im „Metropol“ gewohnt hatte. 1937 erschien seine Eloge auf Stalin „Moskau 1937“, das die Schande seiner Verführbarkeit verewigt. Eine Verunglimpfung der deutschen Kommunisten und ein Einschleimen bei dem Massenmörder Stalin. Ein schwarzes Kapitel in der deutschen Literaturgeschichte. Charlotte und Hans konnten 1941 nach Mexiko ausreisen. Sie kamen 1952 in die DDR, wo sie als „Westemigranten“ bei der Nomenklatura keine wichtigen Funktionen mehr erhalten haben. Hans starb 1979, Charlotte 1986, ohne über ihre Moskauer Erfahrungen je gesprochen zu haben. „Jeder konnte denunziert werden. Jeder war in Gefahr. Und ebenso konnte jemand grundlos verschont bleiben.“ Das war das Schicksal von Lotte und Jean Germain.
Der Roman erzählt zudem aus der Perspektive von Hans Baumgartens erster Frau, Hilde Tal, einer Denunziantin, und Wassili Wassiljewitsch Ulrich, dem Gerichtspräsidenten bei den Terrorprozessen. Nichts Menschliches wird ausgespart. Ruge zeichnet das Grauen nicht mit ideologischem Aplomb, sondern auf einer zutiefst menschlichen Ebene von Angst, Verrat und Verschweigen. So funktionieren im Detail Diktaturen. Darin kommt auch Sex vor, und Ruge findet für die dabei zum Teil abwegigen Konstellationen eine passende Sprache, die realistisch und rückhaltlos die Abgründe aufdeckt.
In dem Roman kommen angesehene Schriftsteller, Künstler und Filmemacher vor. Sie alle sind verstrickt in die ideologischen Fallen des Stalinismus. Sie versagen moralisch und scheitern künstlerisch. Die Chefs des sowjetischen Geheimdienstes (Tscheka, GPU, NKWD) Jagoda, Jeschow und Dzierzynski spielen ihre mörderische Rolle eher am Rande. Menschliche Abgründe dominieren. „Wahrscheinlich hatte er sogar deutsche Mädchen gevögelt.“ (S. 38) „Die Menschen glauben, was sie glauben wollen.“ (S. 171) „Sie trägt in sich die Ratte des Zweifels.“ (S. 229) „Wilhelms Geheimnisse, sie will gar nichts davon wissen, sie hat es nie wissen wollen, …“ (S. 288) „Man verhaftete Hunderte, ja vielleicht Tausende, damit die entscheidenden Schläge in der Masse der Verhaftungen untergehen.“ (S.319) „Ja, ich bin eine Lügnerin, eine Betrügerin. Meine Überzeugungen sind schwach. Mir fehlt der Klassenstandpunkt. Ich bin schlecht. Ich bin unzuverlässig. Ich bin für die große Sache des Sozialismus nicht geeignet …“ (S. 351)
Eugen Ruge hat einen großen Roman vorgelegt.