2607: „Journalismus als Eiertanz“: Hans Magnus Enzensberger wird 90

Mit Hans Magnus Enzensberger wird ein ganz Großer der deutschen Publizistik 90 Jahre alt. Er hat sich in vielen Rollen getummelt und dabei meistens eine Führungsrolle eingenommen: als Lyriker („verteidigung der wölfe“), Essayist („Journalismus als Eiertanz“), Kritiker („Baukasten zu einer Theorie der Medien“), Zeitgeschichtler („Der Untergang der Titanic“), Leitartikler („Saddam = Hitler“), Herausgeber („Kursbuch“, „Transatlantik“), Verleger („Die andere Bibliothek“). Mangelndes Selbstbewusstsein war seine Sache nicht. Der ganze Mann ist schwer zu kennzeichnen. Deswegen zitiere ich Enzensberger hier auszugsweise als Medienkritiker, der er anfangs auch war. Mein Fach, die Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, verdankt ihm manchen relevanten Text:

1. „Denn der Aberglaube, als könne der einzelne im eigenen Bewusstsein, wenn schon nirgends sonst, Herr im Hause bleiben, ist heruntergekommene Philosophie von Descartes bis Husserl, bürgerliche Philosophie zumal, Idealismus in Hausschuhen, reduziert aufs Augenmaß des Privaten.“ (Bewußtseins-Industrie 1962)

2. „Nachrichten, die nur unter Andeutungen und Anspielungen zu erschließen sind. Nicht selten setzt die Lektüre der ‚Frankfurter Allgemeinen‘ kombinatorische Fähigkeiten und detektivischen Scharfsinn voraus. Der Leser, der keine anderen Blätter zur Hilfe nimmt, sieht sich plötzlich Sachverhalten gegenüber, von denen er nichts weiß, und auf welche die Redaktion ‚zurückkommt‘, ohne sie je erwähnt zu haben.“ (Journalismus als Eiertanz. Beschreibung einer Allgemeinen Zeitung für Deutschland. 1962)

3. „Kann sich die Story also nicht auf die Objektivität der Nachricht berufen, so fehlt ihr andrerseits auch die Legitimation, die andere journalistische Äußerungsformen, wie die Glosse, der Kommentar oder der Leitartikel, für sich beanspruchen dürfen. In den Spalten der Zeitschrift selber tritt der Unterschied zutage, der hier zu machen ist.“ (Die Sprache des ‚Spiegel‘ 1957)

4. „Mit einer einzigen Ausnahme, der Walter Benjamins (und in seiner Nachfolge Brechts), haben aber die Marxisten die Bewusstseins-Industrie nicht verstanden und an ihr nur die bürgerlich-kapitalistische Rückseite, nicht ihre sozialistischen Möglichkeiten wahrgenommen. Ein Autor wie Georg Lukács repräsentiert vollkommen diesen theoretischen und praktischen Rückstand. Auch die Arbeiten von Horkheimer und Adorno sind von einer Nostalgie nicht frei, die sich an frühe, bürgerliche Medien heftet.“ (Baukasten zu einer Theorie der Medien“ 1970)

5. „Denn zu meiner Überraschung zeigte sich, dass unser wüstes Land ganz allmählich, fast hinter unserem Rücken, immer bewohnbarer wurde. Niemand schlug mehr die Hacken zusammen, niemand machte einen Diener, Autofahrer fingen an, Fußgänger an der Kreuzung passieren zu lassen, Polizisten warfen ihre Tschakos ab, Busschaffner warteten auf alte Damen, statt ihnen vor der Nase wegzufahren. … Es geschahen Zeichen und Wunder in Deutschland. Man konnte den Eindruck haben, als wäre die Republik auf dem Weg zur Zivilisation.“ (Tumult 2014)

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