Die „Werner-Seelenbinder-Halle“ in Berlin kannten wir Sportfans irgendwie alle. Aber wer Seelenbinder gewesen war, wusste nicht jeder. Am 24. Oktober 1944 wurde Werner Seelenbinder von den Nazis im Zuchthaus Brandenburg unter dem Fallbeil ermordet. Geboren worden war er 1904 in Stettin. Aufgewachsen in Berlin, musste er mit zwölf Jahren mit der Großmutter die Familie ernähren, weil die Eltern gestorben waren. 1917 trat er dem Arbeiter-Sportklub Eiche bei und zeigte von Anfang an eine große Begabung im Gewichtheben und Ringen (griechisch-römisch).
Er wurde einer der Großen der Arbeitersportbewegung. Von 1918 bis 1932 gewann er zahlreiche Berliner Titel im Ringen. 1928 trat er bei der ersten Spartakiade in Moskau an. Sein Markenzeichen war sein risikofreudiger Kampfstil und viele technische Finessen. In der DDR wurde er hochverehrt. Bereits 1945 erhielt er ein Ehrengrab auf dem Gelände des Sportparks Neukölln.
Werner Seelenbinder erschien bescheiden und hilfsbereit. Und er war ein unbeugsamer Streiter wider die soziale Diskriminierung der Arbeiter und wurde früh Kommunist. Im Ring glänzte er durch Fairness. Als er 1933 seinen ersten deutschen Meistertitel im Halbschwergewicht gewann, verweigerte er den Hitlergruß. Dafür wurde er 16 Monate gesperrt und von der Grestapo gefoltert. Vermutlich dadurch geschwächt, erreichte er bei den Olympischen Spielen 1936 in Berlin nur den vierten Platz. 1938 ging seine Sportlerkarriere zu Ende.
Seelenbinder hatte keine Ausbildung und arbeitete als Page, Hausdiener, Transportarbeiter und Hilfstischler. Von 1929 bis 1935 war er arbeitslos. Seine Erfahrungen aus der Sowjetunion nutzte Seelenbinder auf seinen Auslandsreisen als Kurier und Verbindungsmann. 1939 schloss er sich der kommunistischen Widerstandsgruppe um Robert Uhrig an. Die Gruppe flog 1942 auf. Es begann Seelenbinders Weg durch Gefängnisse und Straflager bis zu seiner Ermordung 1944. Mithäftlinge von Seelenbinder berichteten dem Schriftsteller Stephan Hermlin später, er habe trotz schwerster Misshandlungen im Zuchthaus Brandenburg stets an seinen politischen und sportlichen Überzeugungen festgehalten (Fritz Heimann, SZ 24.10.19).