1. Eine Fähigkeit der AfD besteht darin, sich selbst im Gespräch zu halten. Das ist gute Propaganda. So versucht Gustav Seibt (SZ 3.9.19), eine Grenze zwischen der AfD und dem Bürgertum zu ziehen. Und ich schreibe dem hier auch noch hinterher.
2. Tatsächlich wird die AfD zu einem Drittel von Arbeitern gewählt.
3. Und die alte Bundesrepublik war eine „nivellierte Mittelstandsgesellschaft“ (Helmut Schelsky), auch wenn die Linken das nie begriffen haben.
4. Nach Heinz Bude haben die 68er die „Verbürgerlichung“ der Bundesrepublik erst vollendet. Das trifft zu.
5. Der davon geprägte Bürger fährt Rad, kauft regionale Lebensmittel, strebt ein klimaneutrales Haus an, ist überwiegend gut ausgebildet, „kosmopolitisch“ (was gut zum Exportweltmeister Deutschland passt), muss sich als „Elite“ beschimpfen lassen. Dabei war ich immer stolz darauf, zu einer geistigen Elite gezählt zu werden.
6. In dem Begriff Bürgertum werden der Wirtschaftsbürger (Bourgeois) und der Staatsbürger (Citoyen) zusammengeführt.
7. Sie werden charakterisiert durch „Werte“.
8. Dazu zählen u.a.: korrektes Auftreten, gute Manieren, Verlässlichkeit, Sparsamkeit, Einhalten von Absprachen. Seibt zählt noch „eheliche Treue“ dazu (hier bin ich skeptisch).
9. Heinrich Detering, unser Göttinger Germanist, erkennt in der Sprache der AfD ihre Un-Bürgerlichkeit. Wer einer türkisch-stämmigen Deutschen mit „Entsorgung“ drohe, gleiche „zum Verwechseln Bandenmitgliedern, die es ihren Opfern erst mal so richtig zeigen, sie dann erledigen und schließlich entsorgen“.
10. Die „Neue Zürcher Zeitung“ (NZZ), kein links-grünes Sympathisantenblatt, stellt zum AfD-Sprachgebrauch folgendes fest: „Der Evangelische Kirchentag? Eine ’schizophrene Irrsinnsveranstaltung‘. Angela Merkel? Eine ins ‚linksgrüne Lager abgedriftete Kanzlerdarstellerin‘. Die CDU-Chefin? ‚Meinungsdikatorin AKK‘. So geht das ohne Unterlass. Die Kommunikation der AfD erinnert an eine vollgeschmierte Klowand. Nichts daran ist bürgerlich.“