2511: Die Legende von der „friedlichen Revolution“

Udo Knapp war der letzte SDS-Vorsitzende. Der Politologe war lange Zeit SPD-Politiker auf Rügen. An der Schärfe seiner Analysen hat sich nichts geändert. Er zertrümmert die Legende von der „friedlichen Revolution“ in der DDR. Auch wenn ich mir das anders wünschen würde, besticht die Härte von Knapps Urteil (taz 30. 7.19):

„Die DDR hat keine Revolution erlebt, sie ist implodiert, wie die anderen sozialistischen Länder und die Sowjetunion auch.“ (Hans Modrow) Trotzdem wird in Ost wie West gerne die Legende von der „friedlichen Revolution“ in der DDR gepflegt. „Die DDR war von Anfang an nichts anderes als die Diktatur der SED, die mit der Machtübernahme durch die von Sowjets abgesicherte Ulbricht-Clique möglich wurde.“ Außer dem Aufstand der Berliner Arbeiter am 17. Juni 1953 hat es keinen ernsthaften Versuch aus der Mitte der DDR-Gesellschaft gegeben, das System zu stürzen. „Die SED-Staatsmacht war gnadenlos und brutal, und solange die russischen Panzer vor Ort bereitstanden, um die sozialistische Herrschaft auch mit Gewalt zu verteidigen, waren schon die Gedanken an eine revolutionäre Wende gefährlich.“

Außerdem gab es als Alternative zum Leben in der DDR von Anfang an und insbesondere bis zum Mauerbau am 13. August 1961 die „Republikflucht“. Sie machte fast jeden Gedanken an den großen Kampf gegen die Diktatur der SED überflüssig. Der „Menschenhandel“, den die SED mit ihren intellektuellen Widersachern betrieben hat, mit harten Devisen, war für beide Seiten ein gutes Geschäft. „Wer sollte sich vor diesem Hintergrund an die Spitze einer revolutionären Alternative stellen?“ Die mutigen Literaten, Künstler und Intellektuellen in der DDR träumten von einem Sozialismus mit menschlichem Antlitz, aber nicht von der Wiedervereinigung.

Der Zusammenbruch 1989 wurde nicht erzwungen durch die mutigen Großdemonstrationen in Leipzig und anderswo, sondern von der massenhaften Republikflucht über die Grenzen der Bruderländer. Nach 1989 gab es nochmals eine veritable Republikflucht. Weit über eine Million DDR-Bürger, in der Regel gut ausgebildete Kräfte und insbesondere eine große Zahl junger Frauen, haben in den ersten Jahren nach der Wende die DDR für immer verlassen. „Die Organisatoren der Demonstrationen kurz vor der Wende, vom Neuen Forum bis zum Demokratischen Aufbruch, waren unter den DDR-Bürgern nie wirklich mehrheitsfähig. Bei den ersten freien Wahlen kamen sie noch auf 1,5 Prozent der Stimmen.“

Die Mehrheit der 16 Millionen DDR-Bürger hat die Diktatur nicht nur erlitten, sie hat sie mitgetragen und mitgestaltet. „Ihr Mitmachen bei den Nazis ging bruchlos in das Mitmachen bei den DDR-Sozialisten über.“ Eine Auseinandersetzung mit der eigenen Schuld hat es in aller Offenheit in den neuen Bundesländern nicht gegeben. In den neuen Ländern gibt es bis heute eine sich selbst tragende, selbstbewusst auf Demokratie und Rechtsstaatlichkeit, auf Humanität und Freiheitsliebe fest gebaute Gesellschaft nicht. Daran knüpft die AfD an. Sie ist der geistige Nachfolger der Nazis und SED-Sozialisten. „Sie ist die ehrliche Stimme der aus dem muffigen DDR-Staatsheim immer noch nicht ausgezogenen Ossis.“

Die demokratischen Parteien (CDU, SPD, Grüne, Linke) versuchen, mit der Erzählung von der angeblichen Ignoranz gegenüber der Lebensleistung der DDR-Menschen und einer fortwährenden, strukturellen Benachteiligung und mit immer neuen Millionen den ehemaligen DDR-Bürgern „ihre politischen Vorlieben fürs Autoritäre, für den Hass auf alles Andere, auf alles Fremde, auf alles Diverse, ihre Verachtung der Demokratie abzukaufen“. „Ein wirklicher Aufbruch zu den Ufern der Freiheit aber ist bis zum heutigen Tag ausgeblieben.“

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