Der Energieversorger Eon SE ist börsennotiert. Er hat in den letzten drei Jahren die Hälfte seines Werts eingebüßt, Tausende Stellen gestrichen und die Dividende gekürzt. Die Firma sucht ihr Heil im Ausland, etwa in der Türkei oder als Windparkentwickler in Großbritannien. Ihr Vorstandsvorsitzender Johannes Teyssen sieht in der Energiewende eine viel zu idealistische und zu wenig pragmatisch angelegte Politik und eine Gefährdung des Industriestandorts Deutschland. Winand von Petersdorff hat ihn für die „Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung“ (FAS) interviewt (27.10.13).
FAS: Wohin schleichen sich denn ihre Kunden aus der energieintensiven Industrie davon?
Teyssen: Nach Amerika beispielsweise, wo Strom die Hälfte und Gas ein Drittel des hiesigen Niveaus kostet. Ebenso gefährlich ist eine andere Entwicklung: Immer mehr Kunden fliehen aus dem teuren öffentlichen System der Energieversorgung und -verteilung und produzieren ihren Strom für sich. Ohne den Menschen Böses zu wollen: Ich vergleiche das mit Schwarzbrennerei von Alkohol.
FAS: Schwarzbrennerei?
Teyssen: Ja, die Leute produzieren Strom für sich selbst und geben ihn nur gelegentlich ins Netz ab. Sie machen das mit Photovoltaikanlagen, mit Windrädern oder auch kleinen Blockheizkraftwerken.
FAS: Was soll daran schlimm sein?
Teyssen: Diese Stromproduzenten sind von den staatlichen Abgaben und von den Netzentgelten weitgehend befreit, obwohl sie das Netz sporadisch nutzen für die überschüssige Energie. Damit sind sie höchst anstrengende Geschäftspartner im Netz. Sie entgehen den Abgaben und Umlagen, die zur Finanzierung der Energiewende da sind. Es bleiben immer weniger Akteure übrig, die am Ende immer mehr für die Energiewende zahlen.
FAS: Ist Eon ein Opfer der Politik?
Teyssen: Wir – und damit meine ich die gesamte Energiewirtschaft – sind eher ein Kollateralschaden. Die Politik wollte uns nicht schaden, aber sie hat die Nebenwirkungen ihrer Entscheidungen nicht durchdacht. Und manche Politiker sind jetzt ziemlich erschrocken, was sie angerichtet haben.
FAS: Was denn konkret?
Teyssen: Die ganz normale Stromproduktion wird in diesem System nicht mehr honoriert. Kohlekraftwerke, ganz moderne Gaskraftwerke und selbst Wasserkraft verdienen in Deutschland kein Geld. Das müssen wir aushalten, wenn unsere Kraftwerke von einer neuen Technik verdrängt würden. So ist das aber nicht. Unsere Kraftwerke werden auch morgen noch gebraucht, wenn die Sonne nicht scheint und der Wind nicht weht. Nicht nur bei uns, in ganz Europa werden hochmoderne Kraftwerke geschlossen, weil sie nicht mehr auf ihre Kosten kommen. Die Wertvernichtung beziffert der „Economist“ auf 500 Milliarden Euro. Das ist doch Wahnsinn.
FAS: Entschuldigung, ein Teil ihrer Kraftwerke wird durch Sondervereinbarungen und -Vergütungen am Netz gehalten, die der Stromkunde bezahlt.
Teyssen: Erstens: Diese Kraftwerke werden gebraucht, um das Netz stabil zu halten. Also werden sie auch entgolten, allerdings keineswegs für ihre vollen Kosten. Zweitens: Am Ende zahlt immer der Bürger, manchmal als Steuerzahler, manchmal als Stromkunde. Die Kosten finden ihren Weg zu den Leuten.
Kommentar W.S.: Die neue Bundesregierung muss schnellstens das EEG ändern, damit die Strompreise nicht bis in den Himmel wachsen. Und die Subventionen für die Energiewende, die eine Mehrheit ja will, müssen angepasst werden, um die Kosten zu begrenzen. Dass das Energie-Kapital auf Renditen und Dividenden ausgeht, ist legitim. Aber wir dürfen es nicht aus den Augen verlieren.