2365: Journalisten sollen Wächter sein, keine Parteigänger.

Jochen Bittner publiziert einen Teil seines neuen Buchs „Zur Sache, Deutschland!“ in der „Zeit“ (11.4.19). Er befasst sich mit der Unabhängigkeit von Journalisten. Ich verwende Bittners Text, um meine eigene Meinung darzustellen, die hier und da von Bittner abweichen mag.

1. Der zu seiner Zeit sehr angesehene Hans-Joachim Friderichs, am Ende Leiter der „Tagesthemen“, bestand auf der Unabhängigkeit von Journalisten und betonte, dass sie keine Parteigänger irgendeiner Sache sein dürften.

2. Der Redaktionsleiter von „Monitor“, Georg Restle, will mit solch einer Berufsauffassung nichts zu tun haben. Manche Journalisten könnten in ihrem Neutralitätswahn nicht mehr erkennen, dass sie mit ihrem Beharren auf Objektivität längst zum verlängerten Arm derjenigen geworden seien, die mit ihrem Beharren auf journalistischer Objektivität nur ihre eigene Agenda oder ihre eigenen Geschäftsinteressen im Sinn hätten.

3. Zum Artikel 5 GG hat das Bundesverfassungsgericht in seinem „Spiegel“-Urteil von 1966 folgendes geschrieben: „Soll der Bürger politische Entscheidungen treffen, muss er umfassend informiert sein, aber auch die Meinungen kennen und gegeneinander abwägen können, die andere sich gebildet haben. Die Presse hält diese ständige Diskussion in Gang; sie beschafft die Informationen, nimmt selbst dazu Stellung und wirkt damit als orientierende Kraft in der öffentlichen Auseinandersetzung. (…) Sie fasst die in der Gesellschaft und ihren Gruppen unaufhörlich sich neu bildenden Meinungen und Forderungen kritisch zusammen.“

4. Journalisten halten Wacht über alle politisch Aktiven. Sie sind Diskursbefeuerer, ihre Methode ist die Kritik, ihr Mittel die Vernunft, ihr Maßstab die Humanität.

5. Objektivität ist keine Naivität gegenüber dem Bestehenden. Das Ringen um Objektivität ist der schlimmste Feind all jener, die versteckte Agenden betreiben, unter welchem Banner auch immer.

6. Im Ethik-Codex des National Public Radio (NPR) in den USA heißt es: „Während wir beobachten, unterlassen wir es, aktiv an solchen öffentlichen Veranstaltungen (…) teilzunehmen, über die unsere Organisation berichten könnte.“

7. Die deutschen Journalisten stehen überwiegend links von der Mitte. Eine Umfrage der Universität München von 2017 ergab bei einer Befragung von 775 Journalisten: Auf einer Skala von null (links) bis zehn (rechts) lag der Mittelwert bei  3,96.

8. Dazu Jochen Bittner: Da die Bundesregierungen in der Regel von Mitte-rechts-Bündnissen gestellt würden, sei das Linksabrücken der Mehrheit der Journalisten ein Zeichen für einen Distanz-Ehrgeiz.

Das kann man auch anders sehen.

9. Jeder Meinungsdrall, ob links oder rechts, wird dann gefährlich, wenn er zum Mainstream wird. Der Mehrheitsmeinung skeptisch zu begegnen, gehört zum journalistischen Berufsethos.

10. Diese Widerständigkeit muss man sich – vor allem wirtschaftlich – leisten können. Prekäre Arbeitsbedingungen sind deshalb im Journalismus gänzlich unangebracht. Sie führen zum Konformitätsdruck.

 

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