Das Ausmaß des sexuellen Missbrauchs von Kindern, Jugendliche und Nonnen in der katholischen Kirche ist verheerend (und noch nicht aufgearbeitet). Ebenso das System der Vertuschung. Und manchmal werden diese Tatsachen von Atheisten als Argumente gegen die Kirche verwandt. Verständlich, aber nicht voll schlüssig. Denn mit der Odenwaldschule ist ein ehemaliges Vorzeige-Projekt der Reformpädagogik auf Grund systematischen sexuellen Missbrauchs endgültig dekonstruiert worden. Nun wurde gezeigt, dass auch in der DDR systematischer sexueller Missbrauch betrieben wurde. Vor allem in den Familien, wie überall. Und in den mehr als 600 Heimen.
Das zeigt eine nicht repräsentative Fallstudie für die „Unabhängige Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs“. Hierzu wurden 75 vertrauliche Anhörungen und 27 Berichte zu sexuellem Missbrauch ausgewertet. Im Zentrum des Ergebnisses:
Die systematische Tabuisierung und Leugnung sexueller Gewalt in der DDR.
„Sexualisierte Gewalt kann kein Teil einer sozialistischen Gesellschaft sein.“ Weil nicht sein kann, was nicht sein darf. Das System der DDR-Heime war gekennzeichnet dadurch, dass Individuen in immer restriktivere Heime verlegt werden konnten („Spezialheime“, „Durchgangsheime“, „Jugendwerkhöfe“). Dort gab es kollektives Verprügeln Einzelner, Putzstrafen, „Sauberkeitskontrollen“, öffentliche Beschämung und Demütigung und Missbrauch.
„Aus sexuellen Übergriffen wurden unter den Rahmenbedingungen der totalen Institution und dem Machtgefälle zwischen Erziehern und Zöglingen schnell massivere Übergriffe, die immer weiter eskalierten, da ihnen nicht Einhalt geboten wurde.“
Die Beauftragte der Bundesregierung zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs, die ehemalige Bundesfamilienministerin Christine Bergmann (SPD), sieht Handlungsbedarf. Sie fordert Selbsthilfe- und Therapieangebote und Beratungsmöglichkeiten. Viele der Opfer wurden alleingelassen. Sie haben partiell sehr schwierige soziale Biografien. Auf ihre Schulbildung wurde kaum geachtet (Henrike Rossbach, SZ 7.3.19).