2307: Ines Geipels Familiengeschichte erklärt uns den Hass im Osten.

Ines Geipel ist bekannt als langjährige Vorsitzende der Doping-Opfer-Hilfe, bei der ca. 2.000 Opfer über die Folgen des Zwangsdopingsystems der DDR beraten worden sind. Sie hat bereits 1999 Texte von vier Autorinnen herausgegeben, die in der frühen DDR zensiert und verfolgt wurden. Sie hat das Archiv „Unterdrückte Literatur in der DDR“ gegründet, in dessen Rahmen sie die „Verschwiegene Bibliothek“ herausgibt. Allein dafür wird sie gehasst und gemobbt. Von Kommunisten, von Linken, von „Fortschrittlichen“. Aber damit nicht genug.

Nun erklärt uns Ines Geipel den Hass im Osten anhand ihrer eigenen Familiengeschichte. Veranlasst durch den Krebstod ihres Bruders Anfang 2018:

Umkämpfte Zone. Mein Bruder, der Osten und der Hass. Stuttgart (Klett-Cotta) 2019, 277 Seiten, 20 Euro.

Ein Buch, das seine theoretischen und schriftstellerischen Schwächen hat, es ist anscheinend sehr schnell geschrieben, das aber auf Grund seiner inhaltlichen Relevanz als Gesprächsanfang betrachtet werden kann in einem Jahr, in dem sich die AfD anschickt, drei östliche Landtage zu erobern. Schon in ihrem Buch „Generation Mauer“ (2014) hatte Geipel versucht, die Funktion ihrer Generation (geboren 1960) darin zu sehen, die Tabus und Lügen der Eltern zu entlarven, um eine freie Gesellschaft zu ermöglichen.

Geipel verbindet in plausibler Weise die Geschichte ihrer Familie mit der Geschichte der DDR. Dazu gehört die SS-Vergangenheit ihrer beiden Großväter (wie kann es anders sein) wie die Stasi-Tätigkeit des Vaters. Der gehörte zu der Abteilung, die im Westen Republikflüchtlinge bespitzelte. Dazu passt es gut, dass er in der eigenen Familie an den Kindern Gewalt übte. Geipel rekonstruiert die Schweigegebote, Lügen und das aggressive Angstsystem, auf das die DDR sich gründete. Und auf das der Osten der Republik heute mit Gedächtnisverlust reagiert. Geipel bespricht den „Buchenwaldmythos“, die so verlogene wie heroische Gründungserzählung der DDR, wonach kommunistische Insassen dort ein „Binnenregime“ errichtet hatten, das Widerstand leistete. Tatsächlich wurden so auch Kapos rekrutiert, die Mordgehilfen waren und so erpressbare Komplizen der SED wurden. Buchenwald ist bei Geipel ein Ort, „an dem sich rote und braune Gewaltwelten so nahe“ kamen, wie wohl nirgendwo sonst in Deutschland.

Geipel verfolgt die Entwicklung bis hinein in die Punk- und Skinhead-Szene am Ende der DDR. Sie ist sich bewusst, dass die Geschichte ihrer Familie extrem ist. Aber sie schafft eine Gegenerzählung zu den vielen Entlastungsgeschichten und zu den wutgetränkten Narrativen vom armen Osten, der ein Opfer der Wende, der Globalisierung und der Merkelschen Flüchtlingspolitik geworden sei. „Der Osten braucht einen guten, inneren Ort, ein eigenes Narrativ, er braucht die öffentliche Anerkennung seiner Schmerzgeschichte, er braucht Differenzierung, und seine Erfahrungen müssen nach draußen, in den politischen Raum, in die Bildung, vor allem aber an den Familientisch.“ (Alex Rühle, SZ 1.3.19).

 

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