2235: Die „Gelbwesten“ verhindern den Wandel.

1. Manche Kritiker in Deutschland, z.B. Kabarettisten und Teile der Linken, sehen in den französischen „Gelbwesten“ eine fortschrittliche Volksbewegung. Dabei stellen sie eine falsche Analyse an.

2. Schon vor fünfzig Jahren publizierte Michel Crozier „Die blockierte Gesellschaft“, wo er zeigt, dass in Frankreich zwar ständig vom Wandel gesprochen, er aber regelmäßig vom Volk verhindert wird.

3. Die französische Revolution (um 1789) endete mit der Machtergreifung Napoleons (1799).

4. Die Aufstände von 1830 und 1848 haben die Verhältnisse nicht umgestürzt.

5. Bei zynischer Betrachtung hat Napoleon III. die breiten Avenuen anlegen lassen, damit die Artillerie das Volk besser niederkartätschen konnte.

6. Im 21. Jahrhundert hat es schon mehrere Revolten gegeben. Zuerst 2000, als die Trucker gegen die Spritpreise vorgingen. Der Staat, wie fast immer in Frankreich, knickte ein. Nun hat Macron die Öko-Steuer aufgehoben.

7. Die Studenten haben gegen die Universitätsreform protestiert, die Jungen gegen die Arbeitsmarktreform, die Taxifahrer gegen Uber.

8. Wo eine gut organisierte Gruppe (Eisenbahner, Fischer, Bauern) die eigenen Privilegien bedroht sah, ging sie auf die Barrikaden.

9. In Frankreich fehlen starke Parlamente, mächtige Regionen und eine Zivilgesellschaft, die nicht nur Interessen artikuliert, sondern auch Verantwortung übernimmt.

10. Crozier sieht im Zentralismus die „französische Krankheit“.

11. Die Bürger grollen und schweigen bis zur nächsten gewaltsamen Eruption.

12. Die Franzosen sehen, wie schwach der Staat ist. Fast jeder Aufruhr hat ihn bezwungen, Privilegien bewahrt und Wandel vereitelt (Josef Joffe, Die Zeit 13.12.18).

Und wir sehen: Solange Spritpreise, die Verhinderung der Klimawende und die Erhaltung von Privilegien die Politik bestimmen, gibt es keinen Fortschritt.

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