2210: Die Wahrheit in Syrien

Die Politologin Kirstin Helberg hat von 2001 bis 2008 aus Damaskus für deutsche Massenmedien berichtet. Sie arbeitet seither als freie Autorin. 2018 ist ihr Buch „Der Syrien-Krieg – Lösung eines Weltkonflikts“ bei Herder erschienen. In der „taz“ vom 15.11. macht sie sich Gedanken über eine wahrheitsgemäße Berichterstattung aus Syrien.

1. Viele von uns beruhigen sich zu leicht bei dem Satz, im Krieg sterbe zuerst die Wahrheit, und kümmern sich dann nicht mehr um Fakten.

2. Damit spielen sie den Verschwörungstheoretikern wie Donald Trump in die Hände, deren Interesse hauptsächlich darin besteht, Tatsachen unkenntlich zu machen und auf dem Friedhof des Postfaktischen verschwinden zu lassen.

3. Jeder von uns hat nicht etwa seine eigene Wahrheit, sondern seine Wahrnehmung, seine Sichtweise auf bestimmte Ereignisse.

4. Als Experten betrachten wir Menschen, die das Land persönlich kennen, die Sprache sprechen, unterschiedlichste Quellen auswerten und bei ihren Recherchen journalistischen Prinzipien folgen.

5. Einfache Erklärungen, insbesondere dann, wenn sie antiwestlich sind, verkaufen sich besser als differenzierte Analysen.

6. Vor allem die Linke und die Friedensbewegung stecken in den alten Denkschablonen vom guten, weil antikapitalistischen Osten und vom schlechten, weil rohstoffgierigen und imperialistischen Westen.

7. In Syrien gibt es gut und böse. Gut ist der Arzt, der Medikamente in ein abgeriegeltes Gebiet bringt, schlecht der Söldner, der sich an einem Checkpoint persönlich bereichert.

8. Ein unbewaffneter junger Mann, der für Frieden demonstriert, ist besser als der Milizionär, der auf ihn schießt.

9. Manche Pseudolinke sehen eine „demokratisch legitimierte syrische Regierung“ im Kampf gegen „westlichen Imperialismus“.

10. Der syrische Präsident ist nicht durch Wahlen legitimiert.

11. In 33 von 39 Fällen wurde Giftgas von der syrischen Regierung eingesetzt, die fehlenden sechs lassen sich nicht zuordnen. Das haben Untersuchungen der Organisation für das Verbot von Chemiewaffen (OPCW) ergeben.

12. Der persönliche Sicherheitsberater des syrischen Präsidenten und der Luftwaffen-Geheimdienstchef werden mit internationalem Haftbefehl gesucht.

13. Kriterien für die Klassifizierung von Giftgasangriffen sind a) Uhrzeit, b) Einschlagskrater, c) Luftangriff, d) Symptome der Opfer, e) Blut und Bodenproben.

14. Deutsche Professoren, die behaupten, sämtliche Chemiewaffenangriffe hätten „unter falscher Flagge“ stattgefunden, sind keine Wissenschaftler, sondern Propagandisten von „Russia Today“ oder „Fox News“.

15. Wir können der Wahrheit in Syrien Geltung verschaffen, indem wir versuchen, unsere Wahrnehmungen zu verstehen, Analysen kontrovers diskutieren und Tatsachen als solche respektieren.

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