Clemens Betting, 61, ist Buchhändler in Warendorf. Nach einem Studium der Geschichte, Geografie und Theologie war er ursprünglich katholischer Pfarrer gewesen. Dann wurde er fristlos entlassen, weil er seine Freundin heiraten wollte. Matthias Drobinski hat ihn für die SZ (25.10.18) interviewt.
SZ: Dann kam der Tag, an dem Sie dem Bischof die Wahrheit sagten.
Betting: Ich habe mich vorher beraten lassen, in Köln, wo ich untertauchen konnte. Das System zwingt zur Heimlichkeit. Ich habe die Bischofssekretärin angerufen: Ich wünschte dringend ein Gespräch – und hatte am nächsten Tag um zehn Uhr einen Termin bei Bischof Lettmann. Ich hatte mir vorgenommen: Noch bevor du sitzt, muss die Wahrheit draußen sein, und sagte sofort: Herr Bischof, ich möchte Ihnen mitteilen, dass ich aufhöre. Er fragte nur: Mann oder Frau? Ich sagte ihm, dass ich meine Freundin heiraten wolle. Er drängte mich dann, ich sollte mich laisieren lassen. Dazu hätte ich erklären müssen, bei der Weihe nicht im Vollbesitz meiner geistigen Kräfte gewesen zu sein oder gelogen zu haben. Das wollte ich nicht. Ich bin damals bewusst Priester geworden. Als ich ging, musste er sich die Tränen wegdrücken.
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SZ: Sie sind ja bei Weitem nicht der einzige Priester, der aufhört und heiratet. Haben Sie den Eindruck, dass die katholische Kirche aus solchen Erfahrungen lernt?
Betting: Ich fürchte nein. Ich habe mich sehr über die Wahl von Papst Franziskus gefreut, aber die Hoffnungen sind verdunstet. Meine Frau ist Physikerin, die würde jetzt sagen: Was verdunstet ist, ist immer noch da, nur in einem anderen Aggregatzustand. Aber ich sehe nichts, was diese Hoffnung wieder verfestigen könnte. Das System Kirche implodiert.