2019 finden
Landtagswahlen in Thüringen, Sachsen und Brandenburg
statt. Und wer sich noch an die 27 Prozent Stimmen der AfD in Sachsen bei der Bundestagswahl am 24.9.2017 erinnert, der hat dabei ein mulmiges Gefühl. Angst ist natürlich ein schlechter Ratgeber. Aber wie wäre es damit, manche Perspektiven unserer Ossis endlich mal ernstzunehmen? Das wäre m.E. der erste Schritt in die richtige Richtung des Verstehens der Menschen in den neuen Bundesländern. Eine von ihnen ist die 1965 in Ostberlin geborene Anja Maier, die Redakteurin im Parlamentsbüro der taz (13.8.18) ist (die Bezifferung ihrer Aussagen stammt von mir, W.S.).
1. „Das mit dem Osten, das war ja einem Westler (ihrem Mann, W.S.) wie ihm nicht vernünftig zu erklären. Zu viele verquere Gefühle.“
2. „Was ich weiß: Ich hatte dort ein Leben. Eine erste Identität. Und ich möchte von dieser Person erzählen können, ohne mich für ihr Leben rechtfertigen zu müssen.“
3. „Wir hatten etwas, was auch die anderen nicht mehr haben können. Eine Identität, die nur uns gehört. Der Osten ist unsere emotionale Heimat.“
4. Geld anlegen gibt es im Osten nicht. „Denn während das Nettovermögen von Saßnitz bis Suhl bei durchschnittlich 24.800 Euro liegt, beträgt es in Bayern, Hessen und Baden-Württemberg 112.500.“
5. Die Ossis sollen fleißig sein! „Fragt sich nur wo. In Ostdeutschland sitzt kein einziges Dax-Unternehmen. Und von 50 Bundesbehörden haben nur drei ihren Sitz dort. Und das, obwohl es seit 1992 einen Regierungsbeschluss gibt, solche attraktiven Arbeitsplätze in den Osten zu verlagern. Das sind traurige Fakten.“
6. Der Beauftragte für die neuen Bundesländer ist der „gute-Laune-Onkel“ für die arme Verwandtschaft. „Einmal im Jahr darf er einen Bericht vorlegen. In dem wird stehen, dass der Osten auf einem sehr guten Weg ist. Jeder weiß, dass das nicht stimmt. Behauptet wird es trotzdem.“
7. „Deutschland ist geteilt – die Wahlergebnisse in den nach rechts driftenden Ostländern werden das zeigen. Seit bald dreißig Jahren wird an den Küchentischen wieder und wieder erzählt, wie der Westen in Gestalt der Treuhand die Betriebe im Osten geschenkt bekommen und platt gemacht hat. Nicht jede Story stimmt. Richtiggestellt wird trotzdem keine.“
8. „Auch geheilt wird nichts. Bis heute streiten Hunderttausende ehemaliger Bergarbeiter, Künstler und Eisenbahner für ihre DDR-Betriebsrenten, die ihnen qua Einigungsvertrag genommen wurden.“
9. „Je öfter die Politik uns Ostdeutschen zu erklären versucht, wie Scheiße unser Leben früher war, desto gemütlicher richten wir es uns im müffelnden Gefühl der Abwertung ein. Nein, ich will die DDR nicht wiederhaben. Aber ich will beides sein können – Ost- und Gesamtdeutsche -, ohne mich für den ersten Teil meines Lebens rechtfertigen zu müssen. Und ohne zurechtgewiesen zu werden, weil ich den zweiten für (noch) nicht gelungen halte.“