Im Pariser Musée d’Orsay hängt Gustave Courbets „L’Origine du Monde“ (Ursprung der Welt) von 1866. Es zeigt „die Vulva einer, ihrem Schamhaar nach zu urteilen, dunkelhaarigen Frau mit blasser Haut, deren Kopf nicht im Bild ist, genau so wenig wie ihre Arme und das meiste ihrer Beine, es handelt sich um den nackten Torso einer unbekannten Person weiblichen Geschlechts, Alter grob geschätzt zwischen 25 und 38 Jahre“ (Johanna Adorjan, SZ 26.2.18).
„Vor kurzem forderten 10.000 New Yorker in einer Petition ans Metropolitan Museum, das Gemälde ‚Thérèse revant‘ von Balthus abzuhängen. Es zeigt ein Mädchen, das mit geschlossenen Augen auf einem Stuhl sitzt, einen Fuß auf dem Boden, den anderen auf dem Sitz, unter ihrem Rock ihre weiße Unterhose enthüllt. Genau darunter schleckt eine Katze Milch.
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Noch ist niemand auf die Idee gekommen, die Abhängung von Courbets ‚L’Origine du Monde‘ zu fordern, was bei der überspannten, gereizten und extrem humorlosen Stimmung der letzten Wochen eigentlich ein Wunder ist. Wie leicht ließe sich argumentieren, hier werde eine Frau drastisch auf ihr Geschlecht reduziert, etwas so herrliches wie eine Vulva zum reinen Objekt degradiert. Übrigens war Balthus künstlerisch stark von Courbet beeinflusst. Und Balthus hatte mit Ende dreißig eine Liebesbeziehung zu einer 16-Jährigen, die er auch oft malte, Laurence Bataille, deren Stiefvater der berühmte französische Psychoanalytiker
Jacques Lacan
war, und jetzt kommt’s: Dem gehörte das Gemälde ‚L’Origine du Monde‘, er war dessen letzter privater Besitzer, womit sich ein Kreis schließt, der doch nie einer werden sollte.“