Der amerikanische Psychologe Steven Pinker hatte in früheren Publikationen u.a. mehrere schwerwiegende und unbeliebte Erkenntnisse verbreitet:
1. dass es ein Irrtum ist anzunehmen, wir Menschen kämen als unbeschriebene Blätter auf die Welt. Tatsächlich sind wir genetisch programmiert und damit unser Leistungsvermögen weithin festgelegt.
2. dass die These von der zunehmenden Gewalt auf der Welt ein Mythos ist.
Nun macht Pinker in einem Interview mit Andrian Kreye (SZ 15.2.18) Angaben zur Aufklärung, zum Fortschritt und zum demokratischen Diskurs:
3. „Ich schrieb darüber, dass die Gewalt im Laufe der Geschichte abgenommen hat. Das galt auch für
Armut, Analphabetismus, Kinderarmut.
Wenn man das alles quantitativ betrachtet, erkennt man deutliche Verbesserungen. Ich wollte wissenschaftlich belegen, dass Fortschritt kein mythischer Vorgang ist, sondern ein Prozess, der auf präzise definierbaren Faktoren beruht. Davon kann man wiederum ableiten, wie man Fortschritt fördert.“
4. „Der Menschheit geht es besser, sie ist gesünder, wir alle leben länger, die Gewalt nimmt ab. Das ist buchstäblicher Fortschritt. Und ich wollte die Leute daran erinnern, dass dieser Fortschritt das unmittelbare Resultat der Aufklärung und ihrer Institutionen ist, also der Demokratie, des freien Handels und der Organisationen internationaler Zusammenarbeit.“
5. „Wenn etwas gut läuft, ist das in der Regel ein sehr langsamer Prozess. Die wachsende Allgemeinbildung, die Abnahme der Säuglingssterblichkeit und der Gewalt beispielsweise. Aber damit kann man keine Schlagzeilen machen. Also erfahren die Menschen sehr viel über Schießereien, Aufstände und Bürgerkriege, aber sehr wenig über Fortschritt.“
6. „Sicher wird die Aufklärung gerade in Amerika und Europa angegriffen, aber sie breitet sich auch weiterhin aus. Sie verbreitet sich in der Regel mit dem Wohlstand. Und die demokratischen Institutionen funktionieren ja auch auf internationaler Ebene weiterhin. Die Vereinten Nationen haben immer noch fast alle Länder als Mitglieder, die EU funktioniert noch. Es gibt einen florierenden Welthandel, die meisten Nationen versuchen, Kriege zu vermeiden. Im Großen und Ganzen bewegt sich die Welt auf die Werte der Aufklärung zu. Natürlich gibt es Ausnahmen wie
die Türkei, Russland oder Venezuela.
Aber es werden immer noch mehr Länder demokratisch als autokratisch. Vor allem in den Achtziger- und Neunzigerjahren war das eine große Bewegung, als Militärdiktaturen in Südkorea, Taiwan und Lateinamerika von Demokratien abgelöst wurden.“
7. „Nur die unvoreingenommenen Institutionen wie
die Wissenschaft, die Redefreiheit und der demokratische Diskurs
erlauben uns, … unser Leben besser zu organisieren. Das aber sind die Ideale der Aufklärung, die
die populistische Rechte und
die sozialkämpferische Linke
ablehnen.“
Steven Pinkers neues Buch erscheint im Herbst bei S. Fischer.