2008 kam Gabor Steingart vom „Spiegel“ zum „Handelsblatt“. Die Zeitung gehört zur Holtzbrinck-Gruppe, in der z.B. noch das „Handelsblatt“-Schwesterblatt „Wirtschaftswoche“, der Berliner „Tagesspiegel“ und „Die Zeit“ (zur Hälfte) erscheinen. Steingart machte bei Holtzbrinck schnell Karriere. 2010 wurde er Chefredakteur (was ihm beim „Spiegel“ nicht gelungen war), 2013 stieg er in die Geschäftsführung auf, wurde schließlich Anteilseigner. Mit dem eher scheuen Verleger
Dieter von Holtzbrinck
soll er befreundet gewesen sein. In Zeiten der Digitalisierung baute Steingart die Holtzbrinck-Gruppe erkennbar um. 2011 feuerte Steingart den noch weit konservativeren
Roland Tichy.
Seine Stelle bekam die Kommunikationswissenschaftlerin Miriam Meckel, die aber nicht reüssierte, sondern Herausgeberin wurde. 2012 stellte Gruner & Jahr den „Handelsblatt“-Konkurrenten „Financial Times Deutschland“ ein.
Neben seinen vielen Funktionen schrieb Steingart noch ein „Morning Briefing“, eine Mischung aus süffisanter Kommentierung und Marketing für „Handelsblatt“-Inhalte. Dabei trug er recht dick auf, wie Caspar Busse und Claudia Tieschky schreiben (SZ 10./11.2.18). Michael Hanfeld (FAZ 10.2.18) meint sogar, dass Steingart „stets mit dem Vorschlaghammer“ schreibe, maßlos übertreibe, gezielt überziehe, „keine Gefangenen“ mache und „kein Hehl daraus, dass er sich für wichtig hält“. Christian Meier (Die Welt, 10.2.18) schreibt: „Wenn man so will, ist Steingart eine der wenigen wirklich interessanten, weil polarisierenden Figuren der Verlagsbranche.“
Am 7. Februar 2018 ist Steingart wohl über das Ziel hinausgesochossen. Da schrieb er im „Morning Briefing“ über
Martin Schulz‘
„perfekten Mord“ an Sigmar Gabriel: „Der Tathergang wird in diesen Tagen minutiös geplant. Der andere soll stolpern, ohne dass ein Stoß erkennbar ist. Er soll am Boden aufschlagen, scheinbar ohne Fremdeinwirkung. Wenn kein Zucken der Gesichtszüge mehr erkennbar ist, will Schulz den Tod des Freundes aus Goslar erst feststellen und dann beklagen. Die Tränen der Schlussszene sind dabei die größte Herausforderung für jeden Schauspieler und so auch für Schulz, der nichts Geringeres plant als den perfekten Mord.“
Dieter von Holtzbrinck haben diese Sätze anscheinend so aufgebracht, dass er Martin Schulz unmittelbar eine Entschuldigungs-Depesche sandte. Am 9. Februar informierte Holtzbrinck persönlich auf einer Mitarbeiterversammlung der „Handelsblatt“-Gruppe über die Entlassung Gabor Steingarts. Daraufhin schrieben der „Handelsblatt“-Chefredakteur, der „Wirtschaftswoche“-Chefredakteur und deren Herausgeberin an Holtzbrinck, dass sie hinter Steingart stünden und dass sie die Entlassung als „Bestrafung für eine – wengleich unbequeme – Meinung“ kritisierten.