1851: Bernhard Schlink über das Schreiben, das Kaiserreich und die Rückgabe von Kunstschätzen

Der Jura-Emeritus und Schriftsteller Bernhard Schlink hat mit „Der Vorleser“ 1995 einen Welt-Bestseller gelandet (verfilmt mit Kate Winslet). Anlässlich seinen neuen Romans

„Olga“

ist er von Christian Mayer (SZ 20./21.1.18) und Tilman Krause (Die Welt 20.1.18) interviewt worden.

SZ: Schreiben befriedigt die Sehnsucht nach einem anderen Leben, haben Sie einmal geschrieben.

Schlink: Es ist mit dem Schreiben wie mit dem Lesen. Wir lesen, weil wir mehr als ein Leben leben wollen, und wir schreiben, weil wir mehr als ein Leben leben wollen.

SZ: Der erste Teil ihres Romans („Olga“) spielt im Osten des damaligen Kaiserreichs, in Breslau und Tilsit in den Jahren vor 1914. Was finden Sie an der heute so fernen Vergangenheit interessant?

Schlink: Das Verhängnis des letzten Jahrhunderts begann nicht 1933, sondern mit dem Versagen des Kaiserreichs und dem Ersten Weltkrieg. Das war das eine. Zum anderen hat mich Olgas Schicksal interessiert, das Schicksal einer Faru, die es zwar schafft, Volksschullehrerin zu werden, aber zu der

Generation von Frauen gehört, die unter ihren Fähigkeiten leben mussten –

neben Männern, die oft über ihren Fähigkeiten lebten, …

Welt: Das Thema „Umgang mit den Kolonien“ wird ja gegenwärtig auf mehreren Ebenen mit erbitterter Leidenschaft diskutiert. Jetzt hat Frankreichs Präsident Macron in Aussicht gestellt, er wolle Kunstschätze aus den ehemaligen afrikanischen Ländern in großem Stil zurückgeben. Von deutschen Museen, speziell für die Exponate, die im Berliner Humboldt-Forum gezeigt werden sollen, wird das auch gefordert. Wie sehen Sie das?

Schlink: Ich gestehe, dass ich mich schwertue, für diese Forderung Anteilnahme aufzubringen. Napoleon hat bei seinen Eroberungszügen in großem Stil Kunst geraubt und nach Frankreich gebracht. Was er in den Louvre hängen ließ, wurde von den Siegern zurückgefordert und ihnen zurückgegeben, das andere wurde von ihnen übersehen und findet sich in französischen Museen. Reicht es nicht, dass wir es dort anschauen können?

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