Heinrich Böll würde am 21. Dezember 100 Jahre alt werden. Sein schriftstellerischer Ruhm ist schon etwas verblasst. Deswegen sei daran erinnert, dass er 1972 den
Literaturnobelpreis
bekommen hat. Die deutschsprachigen Autoren, die ihn vor Böll bekommen hatten, Hermann Hesse und Nelly Sachs, waren Emigranten. Wie danach auch Elias Canetti. Erst 1999 bekam Günter Grass den Preis, dessen Vergangenheit in der Waffen-SS später Furore machte.
In seiner Literatur hatte Böll eine Abkehr vom klassischen Erzählen vollzogen, in seinen Büchern gibt es kaum
klassisch-heroische Figuren.
Er war „Realist“ und schrieb eine Prosa, die manche „Sozialroman“ nennen. In seinen Romanen, Erzählungen, Essays, Kurzgeschichten und Hörspielen setzte sich unser Autor in erster Linie und immer wieder mit dem Zweiten Weltkrieg und seinen Folgen auseinander, an dem er vom ersten bis zum letzten Tag selbst teilgenommen hatte.
Von 1949 an publizierte Böll kontinuierlich seine Werke, deren Titel für viele Leser stehende Wendungen geworden sind:
„Der Zug war pünktlich“ (1949)/“Wanderer, kommst du nach Spa“ (1950)/“Wo warst du, Adam?“ (1951)/“Und sagte kein einziges Wort“ (1953)/“Haus ohne Hüter“ (1954)/“Irisches Tagebuch“ (1957)/“Doktor Murkes gesammeltes Schweigen“ (1958)/“Billard um halb zehn“ (1959)/“Ansichten eines Clowns“ (1963)/“Ende einer Dienstfahrt“ (1966)/“Gruppenbild mit Dame“ (1971)/“Die verlorene Ehre der Katharina Blum“ (1974)/“Fürsorgliche Belagerung“ (1979)/“Frauen vor Flußlandschaft“ (1985).
Einige davon sind verfilmt worden. Böll selbst kannte sich mit Massenmedien sehr gut aus, wie u.a. „Dr. Murke“ und seine „Katharina Blum“ zeigten, in der er die Machenschaften des Springer Konzerns aufspießte. Von solchen Verlagen wie Springer wurde Böll regelmäßig verunglimpft und etwa der Sympathie für den Kommunismus geziehen. Dort wurde einfach übersehen, dass Böll als Präsident des internationalen PEN ständig auf die Missachtung der Menschenrechte und die Knebelung der Meinungsfreiheit im Ostblock aufmerksam gemacht hatte.
Zwei weltbekannte Dissidenten wie Alexander Solshenizyn (1974) und Lew Kopelew (1980) fanden nach ihrem Übergang in den Westen zunächst Zuflucht im Hause Heinrich Bölls. Sein Aufsatz im „Spiegel“ „Will Ulrike Gnade oder freies Geleit?“ wurde ebenso mutwillig mißverstanden wie sein Brief an den Nazi Horst Mahler, einen Mitbegründer der „Roten Armee Fraktion“. Darin heißt es: „Was unsere Sorge hervorruft, kann mit einem Wort bezeichnet werden. Und dieses Wort ist – Gewalttaten.“
Böll hatte seine Lehren aus der Epoche des deutschen Faschismus gezogen: Pazifismus, Friedensbewegung, Proteste gegen die Aufrüstung, Sympathien für die 68er, gegen die Hysterie im Umgang mit dem Terrorismus der RAF, Protest gegen den NATO-Doppelbeschluss etc. Er war schon früh ein Intellektueller, eine
öffentliche Figur
geworden. Unvergessen das Foto von Böll (und anderen Prominenten) bei der Sitzblockade in Mutlangen (Andreas Platthaus, FAZ 16.12.17; Richard Kämmerlings, Literarische Welt 16.12.17). Bei allen Zweifeln blieb Böll ein frommer Katholik. Er praktizierte seinen Glauben so, dass viele sich ihn als Vorbild nehmen konnten: demütig, weltoffen, tolerant, gesprächsbereit.
Selbst wir, die wir anderer Meinung waren und sind als Böll und häufig gegenteiliger Ansicht, konnten nicht daran vorbei, Heinrich Böll als moralische Instanz anzuerkennen. Wir hätten noch mehr von seiner freundlichen Gesprächsbereitschaft lernen können.
Die Stiftung, die den Namen Heinrich Bölls trägt, widmet sich der Erhaltung der Welt, dem bedachtsamen Umgang mit der Umwelt, der Nachhaltigkeit, der friedlichen Konfliktaustragung. Sie steht den Grünen nahe. Das ist kein Zufall.