Wissenschaftliche Theorien sind u.a. dadurch gekennzeichnet, dass sie falsifizierbar sind. Sie können empirisch widerlegt werden. Das ist bei Verschwörungstheorien gerade nicht der Fall. Im Gegenteil: je besser wir argumentativ gegen solche Verschwörungstheorien vorgehen, desto stärker erscheinen sie bestätigt.
Alex Rühle hat für die SZ (6.12.17) Alex Butter (geb. 1977) befragt. Er ist Professor für Amerikanistik an der Universität Tübingen und gehört einer 150-köpfigen Forschergruppe an, die in 39 Staaten verbreitet ist und Verschwörungstheorien untersucht:
SZ: Gibt es den typischen Verschwörungstheoretiker?
Butter: Man findet Verschwörungstheoretiker in allen Ländern, quer durch alle Altersstufen und quer durch alle Bildungsschichten. Aber wenn man sich anschaut, wer solche Dinge momentan im Netz verbreitet und kommenetiert, dann sind das meistens Männer über 40.
SZ: Wie erklären Sie sich das?
Butter: Männer haben mehr zu verlieren als Frauen. Sie standen immer über den Frauen. Weiße standen automatisch über Schwarzen und Latinos, selbst wenn sie kein zu hohes Einkommen hatten. All das kommt ins Wanken, die Versorgerrolle, die Maskulinität an sich wird hinterfragt. Verschwörungstheorien sind eine Methode, auf die eigene Marginalisierung und Bedrohung zu reagieren. Menschen, die sich ökonomisch oder kulturell abgehängt fühlen, bieten solche Theorien eine griffige und beruhigende Erklärung. …
SZ: Welche Theorien finden hierzulande momentan am meisten Zulauf?
Butter: Die Theorie vom „großen Austausch“, der zufolge eine internationale Finanz- und Machtelite das deutsche Volk schwächen will und deshalb die Flüchtlingskrise inszeniert, ist sehr populär.
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SZ: Leben wir in einer Hochzeit der Verschwörungstheorien?
Butter: Ich würde umgekehrt sagen, dass die letzten fünfzig Jahre eine besondere Epoche waren, weil Verschwörungstheorien an den Rand des öffentlichen Diskurses gedrängt werden konnten. Von der Frühzeit der Moderne bis 1945 war vieles, was uns als Verschwörungstheorie gilt, Common Sense.
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SZ: Warum haben sich dann wieder im Zuge der Aufklärung Verschwörungstheorien herausgebildet?
Butter: Das hat mit der Säkularisierung der Gesellschaft zu tun. Karl Popper hat in ‚Die offene Gesellschaft und ihre Feinde‘ bemerkt, dass Verschwörungstheorien eine Antwort sind auf den Sinnverlust und die Entzauberung der Welt. Man glaubt nicht mehr an den göttlichen Schöpfungsplan, in dem alles Sinn ergibt. Verschwörungstheorien füllen ein Defizit, weil sie es erlauben, dieses religiöse Denkmuster zu säkularisieren, aber die Struktur beizubehalten. Jetzt ist es nicht mehr Gott, der im Hintergrund die Strippen zieht, sondern die Verschwörer, die aber ähnlich allmächtig sind. Vor allem ergibt dann alles unmittelbar Sinn, und es bleibt kein unerklärbarer Rest.
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SZ: Wirkt das Internet nicht als eine Art Brandbeschleuniger?
Butter: Das schon, ja. …