Berlin ist eine tolerante Stadt. Wir tolerieren Frauen mit Kopftüchern. Und endlich können gleichgeschlechtliche Paare heiraten. Vielfach sind buddhistische Mönche in der Stadt zu sehen. Es herrscht Freizügigkeit. Oder doch nicht ganz? Eine aus Bayern stammende katholische Mutter berichtete (Protokoll Julia Schaaf, FAS 26.1.17) folgendes:
„Jeden Abend sitzen wir zu dritt im Bett, kuscheln und lesen vor. Im Anschluss wird gebetet: ‚Müde bin ich, geh zur Ruh, schließe meine Augen zu. Vater lass die Augen dein über meinem Bettchen sein.‘ Dann sprechen die Kinder selbst darüber, was an dem Tag gut war und was wir vielleicht anders machen müssen. Mein Sohn ist jetzt acht, an manchen Tagen ist er ganz pragmatisch und sagt nur: Lieber Gott, beschütze meine Familie und meine Freunde. … Beten ist wie ein Stimmungsbarometer für meine Kinder, ein wichtiges Ritual, das sie sogar einfordern, wenn ich es aus Zeitgründen mal weglassen würde.“
Dann kam eines Tages der Sohn aus dem Religionsunterricht nach Hause und fragte: „Mama, das ist doch normal, dass wir beten?“ Er kam nicht aus dem Fach „Lebenskunde“, sondern aus dem katholischen Religionsunterricht.
Die Mutter stand bei einem Kita-Fest mit anderen Müttern zusammen und erzählte von ihrem Abendritual. „Und die Reaktion war: Wie? Hä? Botschaft: Das ist ja total hinterwädlerisch. Weltfremd. Als würden wir zu einem alten Mann mit weißem Bart beten.“
An Fronleichnam wusste die Schule nichts von dem geplanten Fronleichnamsausflug. „Religion wird überhaupt nicht unterstützt. Das fällt einfach unter den Tisch. Ich finde das schade. … In manchen Regionen in Deutschland scheint es Normalität zu sein, dass man seinen Glauben lebt und in den Alltag integriert. Aber in Berlin? … Ist es vielleicht Absicht, dass dieser Glaube untergeht? … Wie stark muss ein Kind sein mit acht oder neun Jahren, um sich bei so viel Gegenwind durchzusetzen in der Schule? Sagt er dann, er will das nicht, weil die anderen es doof finden? Inwiefern schränkt ihn das ein?“
Die Mutter ist inzwischen mit den Kindern nach Bayern zurückgegangen.