1751: Joy und Günther Weisenborn – Liebesbriefe aus der „Roten Kapelle“

Als Widerstandsgruppe gegen die Nazis ist die „Rote Kapelle“ nicht so bekannt wie die „Weiße Rose“. Das liegt am kalten Krieg, in dem die Mitglieder der „Roten Kapelle“ als diejenigen, die ihre Informationen an die Sowjetunion weitergegeben hatten, um z.B einen Krieg zu verhindern, nicht so gut gelitten waren. Das zeigt der Briefwechsel des Schriftstellers Günther Weisenborn (1902-1969) und seiner Frau Margarete, genannt Joy (1914-2004), zwischen 1942 und 1945. Erst 2009 hat der Bundestag ein Gesetz beschlossen, nach dem sie keine „Kriegsverräter“ mehr sind.

Joy und Günther Weisenborn: Liebe in Zeiten des Hochverrats. Tagebücher und Briefe aus dem Gefängnis 1942-1945. Hg. von Christian Weisenborn, Sebastian Weisenborn und Hans Woller. München (C. H. Beck) 2017, 298 S., 24,95 Euro.

Dass die Weisenborns den Zweiten Weltkrieg überlebt haben, grenzt an ein Wunder; denn Günther Weisenborn war vom Reichskriegsgericht bereits zum Tode verurteilt worden, ehe er aus Gründen, die im Dunkeln liegen, zu drei Jahren Haft begnadigt wurde. Zur „Roten Kapelle“ gehörten etwa auch der

Luftwaffenoffizier Harro Schulze-Boysen und der Jurist Arvid Harnack.

Die Mitglieder hatten verfolgten Juden geholfen und über Funk Nachrichten an gegnerische Geheimdienste, besonders den der Sowjetunion, weitergegeben. Ein sowjetischer Agent in Brüssel verriet sie unter der Folter. 1942 kam es zu einer Verhaftungswelle. Es wurden 120 Personen verhaftet. Mehr als 50 davon überlebten ihren Widerstand nicht. Die Hingerichteten wurden besonders grausam ermordet, die Männer an Drähten aufgehängt, die Frauen geköpft. Wie durch ein Wunder entgingen Joy und Günther Weisenborn den Hinrichtungen. Sie kam 1943 wieder frei.

Die Briefe und Tagebücher werden zum ersten Mal veröffentlicht. Wobei wir uns im Hinblick auf ihren Inhalt vor Augen halten müssen, dass die Briefe die Nazizensur passieren mussten. Trotzdem sind sie eindringliche Dokumente der letzten Kriegsjahre und der unerschütterlichen Liebe zweier Menschen zueinander. „Weißt Du, diese Zeit, so hart sie auch ist, sie führt einen Menschen bis zu seinem tiefsten Innern, und das ist gut, man lernt sich selbst erst richtig kennen.“, schrieb Joy am 1. November 1942.

Günther Weisenborn am 5. Februar 1943: „Es ist Krieg, die einen fallen in Stalingrad, die anderen in Plötzensee.“ Im Gefängnis erlebte er das Bombardement Berlins aus der Ferne. „Wir waren 36 Mann auf unserem Flur dort, von denen 2 freigelassen, 4 Freiheitsstrafen erhielten, darunter ich, der Rest Todesurteile und keine Begnadigung.“ Beide überlebten die Zeit der Repression und Folter gesundheitlich schwer angeschlagen. Nach 1945 gründete Weisenborn das Hebbel-Theater in Berlin mit. Von 1951 bis 1953 war er Chefdramaturg der Hamburger Kammerspiele. Als Pazifist engagierte er sich gegen die Wiederbewaffnung der Bundesrepublik.

Die Briefe zeugen von einer großen Liebe „und sie erzählen von zwei Menschen, die gegen eine Sache kämpften, die sie für grundfalsch hielten, und die sich trotz Haft, Krieg und Entbehrungen nicht von ihren Überzeugungen abbringen ließen.“ (Nicolas Freund, SZ 8.11.17)

Joy und Günther Weisenborn eignen sich als Vorbilder für uns alle.

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