1732: Martin Luthers Antwort

Matthias Drobinski schreibt häufig kundig über Luther, ohne zu bevormunden. Hier knüpft er an Günter Franzens Schilderung des Krebstods seiner Frau unter Schmerzen an. Franzen hatte kein christlicher Seelsorger geholfen, sondern der Ausruf eines Therapeuten „Verdammte Scheiße!“ Drobinski schreibt: „Das ist tatsächlich viel näher an Martin Luther als manche Erbauungspredigt zum Reformationstag.“

Und Luthers Antwort?

„Der Christengott ist kein Gott des innerweltlichen Triumphes, des Himmelreiches auf Erden, kein ‚Spiritual Leader‘ für angenehmes Leben. Der gnädige Gott ist für ihn der gekreuzigte, leidende Gott, grausamstmöglich hingerichtet und erniedrigt, aller Menschenwürde beraubt. Es ist der Gott an der Seite des Krepierenden, Ertrinkenden, Krebszerfressenen und Bombenzerfetzten, der keine menschenverständliche Antwort hat, außer vielleicht: verdammte Scheiße. Es gibt gute Gründe, warum die evangelische Kirche den Karfreitag, den Kreuzestag, für den höchsten Feiertag hält. Und zu den schlechtesten Forderungen zeitgenössischer Theologie gehört es, sich von dieser Kreuzesgeschichte zu verabschieden, weil sie so grausam ist und vielleicht Kinder und andere zartbesaitete Gemüter erschrecken könnte. Wer das Erschreckende und Beunruhigende aus dem Nachdenken über Gott herausfiltert, macht es flach und banal.“ (SZ 30./31.10.17)

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