Das Reformationsjubiläum 2017 war bisher noch kein rauschender Erfolg. Weder was die Besucherzahlen noch was den geistigen Gehalt der Diskurse angeht. Vielmehr machen sich Autoren wie Günter Franzen über Luthers „deutsches Bodenpersonal“ lustig, das in diesem Fall von der Jubiläumsbeauftragten Margot Käßmann verkörpert wird (FAS 8.10.17). Aber die Wissenschaft arbeitet weiter. So hat der Bildungsökonom Ludger Wößmann (LMU München) Thesen zu dem Bildungsschub vorgelegt, der durch die Reformation ausgelöst worden ist.
- Die Reformation löste einen Bildungsschub aus.
- Mädchen profitierten vom protestantischen Bildungsschub stärker als Jungen.
- Die bessere Bildung der Protestanten erklärt weitgehend ihren wirtschaftlichen Vorsprung.
- Die Bildung der Bevölkerung spielte eine wichtige Rolle in der industriellen Revolution.
- Die steigende Bildung trug auch zum demografischen Übergang (durch weniger Kinder) am Ende des 19. Jahrhunderts bei.
- Die Zuwanderung gut gebildeter Hugenotten beförderte die technologische Entwicklung.
- Der Protestantismus führte zu einer deutlichen Erhöhung der Selbstmordrate.
- Durch die Reformation wählten Studierende eher säkulare als religiöse Fächer und Berufe.
- Der Bildungsschub trug zu sinkendem Kirchenbesuch und damit zur Säkularisierung bei.
Wössmann fügt fünf Thesen an, welche die Bildungsökonomik in der Aueinandersetzung mit den sozialwissenschaftlichen Klassikern Karl Marx (1818-1883), Sigmund Freud (1856-1939), Émile Durkheim (1858-1917) und Max Weber (1864-1920) gefunden hat:
- Die von Max Weber postulierte „protestantische Arbeitsethik“ kann den wirtschaftlichen Vorsprung nur bedingt erklären.
- Die in der Wirtschaftsgeschichte gängige Ansicht, dass Bildung in der industriellen Revolution keine Rolle spielte, kann so nicht aufrecht erhalten werden.
- Die höhere Suizidneigung unter Protestanten ist eher soziologisch als theologisch zu erklären.
- Die Befunde zum Kirchenbesuch sind konsistent mit Sigmund Freuds Ansichten zu Religion und Bildung.
- Religion fungiert eher nicht als das von Karl Marx propagierte „Opium des Volkes“ (Die Zeit 12.10.17).